Rund 3,5 Millionen US-Dollar Förderung für die Bonner Parkinson-Forschung
DZNE führt internationales Forschungskonsortium zur Entwicklung präziser Antikörper für die Analytik
Bonn, 29. Juni 2026. Das DZNE koordiniert ein deutsch-amerikanisches Konsortium zur Entwicklung neuer molekularer Werkzeuge für die Parkinson-Forschung. In diesem Zusammenhang erhält das DZNE rund 3,5 Millionen US-Dollar an Fördermitteln von der US-amerikanischen Initiative Aligning Science Across Parkinson’s (ASAP), die dabei mit der Michael J. Fox Foundation for Parkinson’s Research kooperiert. Das Konsortium wird Teil des Collaborative Research Network (CRN), eines internationalen, multidisziplinären und institutionsübergreifenden Forschungsnetzwerks, das sich mit besonders dringlichen Forschungsfragen zur Parkinson-Krankheit befasst.
Ziel des vom DZNE-geleiteten Projekts ist es, verlässliche und frei verfügbare Antikörper zu entwickeln, mit denen sich krankhafte Veränderungen bei Parkinson im Gehirn und anderen Geweben untersuchen lassen. An dem Konsortium sind neben dem DZNE auch die US-Partner BioLegend (San Diego) und das Banner Health Brain and Body Donation Program (Phoenix) beteiligt.
Die Parkinson-Krankheit ist eine komplexe neurodegenerative Erkrankung, die vor allem mit Bewegungsstörungen wie Zittern, verlangsamten Bewegungen, Muskelsteifheit und Störungen des Gleichgewichts einhergeht. Unter anderem spielen bei Parkinson Störungen der Mitochondrien – der „Kraftwerke“ der Zellen – eine zentrale Rolle: Fehlfunktionen führen dazu, dass Nervenzellen nicht ausreichend mit Energie versorgt werden und vermehrt schädliche Sauerstoffradikale entstehen, sogenannter oxidativer Stress. Diese Prozesse tragen wesentlich zum Absterben von Nervenzellen bei und werden durch genetische Risikofaktoren zusätzlich beeinflusst.
Diese krankhaften Veränderungen betreffen nicht nur das Gehirn, sondern auch periphere Gewebe wie Darm, Haut, Speiseröhre oder Blut. Bislang wurden mehrere Proteine, darunter Alpha-Synuclein, identifiziert, die an diesen Prozessen beteiligt sind. Um diese krankheitsrelevanten Proteine zuverlässig nachweisen zu können und die zugrunde liegenden Prozesse besser zu verstehen, benötigt die Forschung spezifische Antikörper – das sind spezielle Eiweißmoleküle, die gezielt an diese Proteine binden und somit als molekulare „Suchsonden“ fungieren. Damit sie unter dem Mikroskop sichtbar werden, werden sie mit Fluoreszenzmarkierungen (Leuchtstoffen) versehen.
Neue Antikörper für verlässliche Forschung und bessere Vergleichbarkeit
„Für die Forschung ist es entscheidend zu wissen, wo sich Parkinson-relevante Proteine im Gewebe ablagern. Genau hier setzen wir an“, sagt Privatdozentin Dr. Ayse Ulusoy, Forschungsgruppenleiterin am DZNE und Leiterin des internationalen Forschungskonsortiums. „Im Projekt entwickeln wir Antikörper, die diese Proteine präzise erkennen – und prüfen gleichzeitig, ob sie unter realistischen experimentellen Bedingungen zuverlässig funktionieren. Man kann sagen: Wir agieren dabei sowohl als ‚Vermittler‘ als auch als ‚Qualitätsprüfer‘.“
Ein Antikörper müsse nicht nur das richtige Zielprotein erkennen, sondern auch in den Geweben und Analyseverfahren funktionieren, die in der Parkinson-Forschung tatsächlich eingesetzt werden, erklärt Ulusoy. Viele derzeit verfügbare Antikörper seien unzureichend validiert oder lieferten je nach Labor unterschiedliche Ergebnisse. „Deshalb testen wir unsere Antikörper systematisch und stellen standardisierte Protokolle bereit. So schaffen wir die Grundlage für reproduzierbare und vergleichbare Ergebnisse weltweit.“
Vom Antikörper-Design zur Validierung
Der US-amerikanische Industriepartner BioLegend entwickelt zunächst Antikörper für neun ausgewählte Zielproteine, die mit zentralen Krankheitsmechanismen wie mitochondrialer Dysfunktion und oxidativem Stress in Verbindung stehen. Die Herstellung erfolgt mithilfe der sogenannten Hybridom-Technologie: Dabei werden Antikörper-produzierende Zellen so verändert, dass stabile Zelllinien entstehen, die große Mengen identischer Antikörper erzeugen.
Für jedes Zielprotein werden neun Antikörper-Kandidaten erzeugt und in einem mehrstufigen Verfahren geprüft. Besonders vielversprechende Antikörper werden dann anschließend am DZNE weiter „validiert“, ihre Zuverlässigkeit also systematisch überprüft – unter anderem in Zellkulturen, sogenannten Mausmodellen sowie in menschlichen Zellen und Gewebeproben. Entscheidend ist dabei die Zuverlässigkeit der Antikörper: Sie müssen genau das richtige Zielprotein erkennen. Dafür werden sie unter verschiedenen Bedingungen getestet. Nur bei positiver Qualitätskontrolle werden sie weiterverwendet.
Am DZNE werden die Antikörper in der Forschungsgruppe von Ayse Ulusoy unter anderem an Mäusen untersucht, die ein Parkinson-ähnliches Krankheitsbild aufweisen. Der Konsortialpartner Banner Health Brain and Body Donation Program prüft sie in menschlichem Gewebe – konkret: in Proben aus dem Gehirn und peripherem Gewebe wie Haut, Darm oder Speicheldrüse.
Ziel ist es, Antikörper zu identifizieren, die nicht nur im Gehirn, sondern auch in peripheren Geweben zuverlässige Ergebnisse liefern.
Automatisierte Technologie ermöglicht umfassende Analysen
Eine zentrale Rolle im DZNE-Beitrag zum aktuellen Projekt spielt die Hochdurchsatz-Plattform von Dr. Philip Denner, Leiter der Abteilung „Labor-Automatisierung“ am DZNE-Standort Bonn und Co-Leiter des Konsortiums: Mit diesem automatisierten System lassen sich zahlreiche Antikörper parallel in einer einzigen Probe analysieren.
„Wir prüfen in Zelltests, ob die Antikörper wie gewünscht funktionieren. Außerdem entwickeln wir passende Analyseverfahren und optimieren Multiplex-Methoden, mit denen mehrere Marker gleichzeitig untersucht werden können“, erklärt Denner. „So stellen wir sicher, dass die Antikörper unter praxisnahen Bedingungen zuverlässig funktionieren.“
Offene Ressourcen für die internationale Forschung
Nach erfolgreicher Validierung werden die Antikörper über BioLegend weltweit verfügbar gemacht. Darüber hinaus stellt das Konsortium Validierungsdaten, Protokolle und Anwendungsempfehlungen offen zur Verfügung. So können Forschende weltweit die Tools nutzen und weiterentwickeln.
Perspektiven für Biomarker und Diagnostik
Das Projekt schafft wichtige Voraussetzungen für die Identifizierung neuer Biomarker. Durch die Validierung in Gehirn und peripheren Geweben könnten künftig Messgrößen identifiziert werden, die Rückschlüsse auf krankhafte Veränderungen im Gehirn erlauben. Zugleich untersuchen die Forschenden, in welchen Geweben und Zelltypen krankheitsrelevante Proteine besonders aussagekräftige Signale liefern.
Langfristig könnten solche Ansätze minimalinvasive Verfahren unterstützen, etwa Bluttests oder Hautbiopsien. Diese könnten helfen, Patientinnen und Patienten genauer zu klassifizieren, Krankheitsverläufe besser zu verfolgen und Therapieeffekte in Studien zu bewerten.
„Unser Ziel ist es, eine zuverlässige und frei zugängliche Ressource für die Parkinson-Forschung zu schaffen“, sagt Ulusoy. „So können Forschende Ergebnisse besser vergleichen und neue Erkenntnisse schneller in die Anwendung bringen.“
Konsortialpartner
Banner Health Brain and Body Donation Program, Phoenix/USA; BioLegend, San Diego/USA
Über das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE): Das DZNE ist eines der weltweit führenden Forschungszentren für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und ALS, die mit Demenz, Bewegungsstörungen und anderen schwerwiegenden Beeinträchtigungen der Gesundheit einhergehen. Diese Erkrankungen bedeuten enorme Belastungen für Betroffene und ihre Angehörigen, aber auch für die Gesellschaft und Gesundheitsökonomie. Das DZNE trägt maßgeblich zur Entwicklung neuer Strategien der Prävention, Diagnose, Versorgung, Behandlung und Pflege bei – und zu deren Überführung in die Praxis. Es hat bundesweit zehn Standorte und kooperiert mit Universitäten, Universitätskliniken und anderen Institutionen im In- und Ausland. Das DZNE wird staatlich gefördert, es ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft und der Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung.