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Plädoyer für eine datengetriebene Demenzprävention

DZNE an gemeinsamer Stellungnahme der Akademien beteiligt

Bonn, 27. März 2026. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldinaacatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften haben eine Stellungnahme zur „Datengetriebenen Demenzprävention“ veröffentlicht. Erstellt wurde sie von einer interdisziplinären Arbeitsgruppe. Prof. Joachim Schultze, Systemmediziner und Wissenschaftlicher Vorstand des DZNE, zählt zu den Fachleuten, die daran mitgewirkt haben. Im Interview erläutert er die Potenziale der Demenzprävention und Ansätze für deren praktische Umsetzung.

Herr Schultze, was ist die Absicht dieser Stellungnahme?

Demenz ist eine Herausforderung und eine Belastung für alle Betroffenen ganz persönlich und unsere Gesellschaft insgesamt. Verbunden mit Leid und enormen Kosten. Herkömmliche Therapien können nur Symptome lindern. Im speziellen Fall der Alzheimer-Erkrankung gibt es zwar nun sogenannte Amyloid-Antikörper, die den Krankheitsverlauf verzögern können. Das ist ein Fortschritt und wegweisend, aber noch zu wenig. Wir brauchen bessere Behandlungsoptionen. Und es gibt einen weiteren Ansatz, der mindestens ebenso wichtig ist. Prävention – also Vorsorge mit dem Ziel, eine Demenz zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern, so dass man möglichst lange geistig fit bleibt. Dafür gibt es viel Potenzial – und das liegt bisher weitgehend brach. 

Und die Stellungnahme setzt hier an?

Genau. Ziel der Stellungnahme ist es, den aktuellen Wissensstand zur Demenzprävention zusammenzufassen und darzustellen, wie sich mithilfe von Gesundheitsdaten und modernen Technologien wirksame Prävention realisieren lässt. In der Stellungnahme stecken wir einen Rahmen ab, was alles möglich wäre. Wir haben also einerseits den wissenschaftlichen Sachstand abgebildet und anderseits eine Vision davon entworfen, wie Demenzprävention in der Zukunft aussehen könnte.

Bild zeigt Joachim L. Schultze.
Die Maßnahmen, über die wir hier sprechen, sind kein Selbstzweck. Sie dienen dazu, die Zahl der Demenzerkrankungen zu senken, persönliches Leid zu verringern und die Gesellschaft von enormen Kosten zu entlasten.
Prof. Joachim L. Schultze

Beeinflussbare Risikofaktoren

Wie groß ist denn das Potenzial der Demenzprävention?

Aktuell kennt man 14 Risikofaktoren für Demenz, die prinzipiell beeinflussbar sind. Dazu gehören unter anderem Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Schwerhörigkeit, Sehverlust und soziale Isolation. Studien deuten darauf hin, dass rund 45 Prozent aller Demenzerkrankungen vermeidbar wären oder hinausgezögert werden könnten, würde man diese Risikofaktoren konsequent eindämmen. Das ist zwar eine theoretische Obergrenze, in der Praxis dürfte es kaum möglich sein, dieses Potenzial vollends auszuschöpfen. Und doch zeigen diese Überlegungen, dass sich durch Prävention viel erreichen lässt. Sie ist ein wichtiger Hebel. Das gilt zweifelsohne für viele Erkrankungen, aber eben auch für Demenz.

Und wie soll man die Sache angehen?

Ein zentraler Baustein sind Vorsorgeuntersuchungen. Solche Angebote kennt man aus der Krebsvorsorge, dort sind sie etabliert. Es ist an der Zeit, dies auch im Hinblick auf Demenzerkrankungen zu tun und Demenzprävention in die Breite zu tragen. Deshalb plädieren wir in der Stellungnahme für ein Screening des Demenzrisikos. Das Ziel ist ja Prävention, also schon dann anzusetzen, bevor sich eine Demenz entwickelt. Insofern geht es darum, Personen mit erhöhtem Risiko für Demenz zu identifizieren. Ein regelmäßiges Screening ab dem Alter von 45 Jahren wäre sinnvoll. In der Stellungnahme schlagen wir ein zweistufiges Modell vor. Die erste Stufe des Screenings könnte auf Fragebogen beruhen und in Verbindung mit ärztlichen Aufklärungsgesprächen erfolgen. Befragungen und Informationsvermittlung könnten aber auch mithilfe dafür konzipierter Apps geschehen. Wichtig ist jedenfalls ein kostengünstiges Verfahren, das breit anwendbar ist. Bei Personen mit erhöhtem Risiko gäbe es dann vertiefte Untersuchungen, die aufwendiger sind. Insbesondere im Blut würde man dann relevante Biomarker bestimmen.

Findet man ein erhöhtes Risiko für Demenz, was wäre die Konsequenz?

Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Übergewicht, sofern sie auf die jeweilige Person zutreffen, sollten dann konkret angegangen werden. Bekanntermaßen sind diese Faktoren ein allgemeines Gesundheitsrisiko – schon aus dieser Sicht wäre es daher ratsam, aktiv zu werden. Ein erhöhtes Risiko für Demenz wäre ein weiteres Argument, dies auch tatsächlich zu tun. Letztlich würden die betreuenden Ärztinnen und Ärzte im Austausch mit den Betroffenen über konkrete Maßnahmen entscheiden. Wichtig ist dabei, das Lebensumfeld der betroffenen Personen im Blick zu haben – auch vor dem Hintergrund, dass soziale Isolation ein Risikofaktor für Demenz ist. Gerade für ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität und ohne Angehörige in der Nähe kann dies ein relevanter Faktor sein. Grundsätzlich gibt es jedenfalls Möglichkeiten, gegen die bekannten Risikofaktoren etwas zu tun. Wir alle können ein Stück weit selbst dazu beitragen, unser Risiko für Demenz zu verringern.

Grundsätzlich?

Durch Ernährung, Bewegung und gegebenenfalls mit Medikamenten kann man insbesondere gegen Bluthochdruck und Übergewicht vorgehen. Bei Schwerhörigkeit, hilft ein Hörgerät, bei Sehverlust kann eine Brille reichen. Um einige Ansatzpunkte zu nennen. Das alles sind Maßnahmen, die der Gesundheit insgesamt guttun – und von denen insbesondere auch die geistige Fitness profitiert. Somit gibt es einen Anreiz, einen persönlichen Mehrwert. Ansonsten wäre es schwierig, für Demenzrisikoscreenings zu argumentieren. Gleichwohl, auch wenn diese Maßnahmen zur jeweiligen Person passen und in diesem Sinne individuell sind, so sind sie doch eher allgemeiner Natur. 

Personalisierte Maßnahmen

Es geht also darum, spezifischer zu sein?

So ist es. Letztlich wollen wir Maßnahmen zur Verfügung haben, die viel präziser beim persönlichen Risikoprofil und Stoffwechsel ansetzen, als es heute möglich ist. Das versteht man als „personalisierte Medizin“. Damit wollen wir weg vom „one size fits all“. Biomarker spielen dafür eine wichtige Rolle. Personalisierte Maßnahmen versprechen mehr Aussicht auf Erfolg – mit größerer Chance, eine Demenz tatsächlich zu verhindern oder zumindest hinauszuschieben. Soweit sind wir aber noch nicht. Für ein personalisiertes Management des Demenzrisikos und entsprechende Präventionsmaßnahmen fehlt es bislang an Forschung – und an Daten. Damit bin ich beim quasi Leitmotiv der Stellungnahme. 

Das heißt?

Die Stellungnahme spricht sich dafür aus, Daten aus der Gesundheitsversorgung, insbesondere solche aus Demenzrisikoscreenings, systematisch zu erfassen und der Forschung verfügbar zu machen. Von einem solchen, datengetriebenen Konzept kann perspektivisch auch die Prävention für andere Volksleiden wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen profitieren. Screenings des Demenzrisikos sind eine Grundlage für diesen Ansatz. Für wirksame Prävention sollten sie in ein fruchtbares Umfeld eingebettet sein. Die Stellungnahme skizziert sechs Handlungsansätze, die dieses Umfeld ermöglichen sollen.

Welche sind das?

Wichtig ist eine politische Weichenstellung. Aktuell reicht die Nationale Demenzstrategie mit ihren Maßnahmenpaketen bis Ende dieses Jahres. Sie sollte darüber hinaus langfristig fortgesetzt werden. Dafür schlagen wir eine „Dekade für Gehirngesundheit“ vor. Diese sollte Prävention und Digitalisierung explizit berücksichtigen. Grundlage dafür wäre eine Zusammenarbeit zwischen Ministerien im Sinne einer sektorübergreifenden Gesundheitspolitik. Auch wird es darauf ankommen, die Bevölkerung in die Erforschung und Entwicklung von Präventions- und Interventionsmaßnahmen aktiv einzubeziehen. 

Dekade für Gehirngesundheit

Und wie kommen Daten ins Spiel?

Eine „Dekade für Gehirngesundheit“ würde den politischen Rahmen schaffen. Darüber hinaus gilt es, die Nutzung von Gesundheitsdaten für die Forschung deutlich zu erleichtern. Dafür sind rechtliche Rahmenbedingungen erforderlich und bestehende Dateninfrastrukturen sollten gezielt weiterentwickelt werden. Zentral für die effektive Verknüpfung personenbezogener Gesundheitsdaten aus verschiedenen Quellen ist zudem die Einführung eines sogenannten Unique Identifiers. Das ist eine persönliche, eindeutige Kennung, vergleichbar der Steuer-ID. Der Umgang mit diesen Gesundheitsdaten würde selbstverständlich in sicheren Rechnerumgebungen in anonymisierter Form geschehen, das lässt sich durch technische und organisatorische Maßnahmen gewährleisten. Die Daten wären einem abstrakten Individuum zugeordnet, ohne Rückschlüsse auf die konkrete Person zuzulassen - ein Vorgehen, das in klinischen Studien etablierte Praxis ist.

Deutschland gilt jedoch nicht gerade als besonders affin in der Datennutzung und Digitalisierung …

Wir sind an einigen Stellen gar nicht so schlecht, wie es immer dargestellt wird. Aber ja, wir müssen noch zu anderen Nationen aufschließen. Das sollte uns jedoch nicht davon abhalten, dieses Projekt voranzutreiben. Denn Gesundheitsdaten sind ein Schlüssel zur Medizin der Zukunft und zu besserer Gesundheit. So verdichten sich derzeit die Hinweise, dass eine Impfung gegen Gürtelrose das Risiko für Demenz verringern kann. Wenn sich das bestätigt, wäre das ein neuer und potenziell sehr machtvoller Ansatz für die Prävention von Demenz. Die entsprechenden Daten stammen unter anderem aus Wales, Australien und den USA. In Deutschland hingegen werden solche Informationen bislang nicht systematisch erfasst. Zwar ist anzunehmen, dass sich die Effekte grundsätzlich übertragen lassen. Und doch sind aufgrund der länderspezifischen Bevölkerungsstruktur und des Gesundheitssystems Unterschiede denkbar. Es wäre interessant zu wissen, ob dem so ist. Nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht, sondern auch weil daraus wertvolle Erkenntnisse für die Praxis folgen könnten. Kurzum: Wir sollten uns nicht damit begnügen, dass solche Forschung nur im Ausland gemacht wird. Es muss uns ein Anliegen sein, auch hierzulande die Voraussetzungen für solche Studien zu schaffen. 

Dennoch tut sich unser Gesundheitssystem im Allgemeinen schwer mit Veränderungen …

Eines sollte klar sein: Die Maßnahmen, über die wir hier sprechen, sind kein Selbstzweck. Sie dienen dazu, die Zahl der Demenzerkrankungen zu senken, persönliches Leid zu verringern und die Gesellschaft von enormen Kosten zu entlasten. Auch wenn dafür zunächst Investitionen notwendig sind. Andererseits, aktuell summieren sich die gesamtgesellschaftlichen Kosten für Demenz auf mehr als 80 Milliarden Euro pro Jahr. Tendenz steigend. Der Handlungsbedarf ist also auch aus ökonomischer Sicht offensichtlich. Sicher wird es darauf ankommen, die Bevölkerung zur Mitwirkung zu sensibilisieren und zu vermitteln, dass die Teilnahme an Demenzrisikoscreenings einen persönlichen Mehrwert beinhaltet. Das gesamte Konzept – insbesondere die Bereitschaft zur Datenspende – beruht selbstverständlich auf Freiwilligkeit. 

Bevölkerung mitnehmen

Dafür wird man Überzeugungsarbeit leisten müssen …

Deshalb schlagen wir ein weiteres Maßnahmenpaket vor, nämlich die Förderung der öffentlichen Kommunikation zur Demenzprävention. Etwa durch entsprechende Informationsangebote von staatlicher Seite. Unabhängig davon ist ein intensiver Austausch zwischen Wissenschaft und den Akteuren des Gesundheitssystems erforderlich, um Abläufe und Strukturen zu schaffen und die Digitalisierung voranzubringen. Das Vorhaben, das wir skizzieren, ist sicherlich ambitioniert. Aber das Thema Demenz hat nun einmal eine enorme Dimension. Mit kleinteiligen Ansätzen werden wir nicht weiterkommen. Wir sollten groß denken. Die Stellungnahme bietet dafür eine Diskussionsgrundlage.

Welche weiteren Maßnahmen schlagen Sie vor?

Gesundheitsdaten verfügbar zu machen, ist essenziell. Auf dieser Basis gilt es, die Präventionsforschung im Besonderen und die Demenzforschung im Allgemeinen zu intensivieren. Da gibt es noch viele Wissenslücken. Beispielsweise zur Anwendung digitaler Biomarker.

Was sind digitale Biomarker?

Im Kontext von Demenz werden zunehmend klassische Biomarker genutzt – also bestimmte Messgrößen, die sich etwa durch Analysen von Blut oder Nervenwasser sowie durch bildgebende Verfahren wie Hirnscans bestimmen lassen. Inzwischen ist es jedoch auch möglich, über Wearables und andere Sensoren beispielsweise die körperliche Aktivität, das Schlafverhalten oder die Funktion des Gedächtnisses zu erfassen. Daraus kann man sogenannte digitale Biomarker ableiten. Auch sie können prinzipiell Rückschlüsse auf das individuelle Demenzrisiko ermöglichen. Ihre Aussagekraft ist bislang jedoch noch nicht ausreichend untersucht. Gleichzeitig bieten digitale Biomarker große Vorteile: Anders als klassische Biomarker setzen sie keine klinische Situation voraus. Man muss dafür nicht in eine Praxis gehen oder in ein Krankenhaus. Und sie sind kontinuierlich erfassbar. In digitalen Biomarkern steckt viel Potenzial. Deshalb sind sie Kernstück eines weiteren Handlungsfeldes, das wir in der Stellungnahme thematisieren. 

Apps als Hilfsmittel

Nämlich?

Wir plädieren dafür, die Entwicklung von Apps für die Demenzforschung und Demenzprävention konsequent weiter voranzutreiben. Solche Anwendungen verstehen wir als Bestandteil eines nationalen Daten-Ökosystems. Ziel eines solchen Ökosystems wäre es, die Erfassung digitaler Biomarker zu ermöglichen und die gewonnenen Daten für die Forschung zugänglich zu machen. Besonderes Potenzial sehen wir in Apps, mit denen sich die kognitive Leistungsfähigkeit und mögliche Gedächtnisstörungen erfassen lassen. Auch im Bereich der Spracherkennung bestehen vielversprechende Möglichkeiten. Mithilfe Künstlicher Intelligenz können Sprechgeschwindigkeit, Satzbau und weitere sprachliche Merkmale analysiert werden. Veränderungen der Sprechweise sowie Wortfindungsstörungen gelten als mögliche frühe Hinweise auf Demenz. Entscheidend ist, dass solche Apps wissenschaftlich fundiert und im Alltag einfach nutzbar sind.

In der Stellungnahme geht es auch um Verhältnisprävention. Was versteht man darunter?

Das betrifft einen weiteren Handlungsansatz. Verhältnisprävention zielt darauf ab, Rahmenbedingungen für eine gesunde Lebensweise zu fördern​. Es geht hier um Maßnahmen, die man als Individuum nicht selbst in der Hand hat, sondern die von staatlicher Seite reguliert werden müssen. Das betrifft zum Beispiel gesetzliche Vorgaben zur Werbung für ungesunde Lebensmittel, Alkohol oder Tabak. Verhältnisprävention kann über Demenz hinaus auch das Risiko für andere Erkrankungen senken. Sie sollte daher im Sinne einer Gesamtpräventionsstrategie ganzheitlich geplant werden. 

Und wie kommt wirksame Demenzprävention nun in die Praxis?

Das Wissen über die Potenziale von Demenzprävention liegt vor – jetzt sind politische Entschlossenheit gefragt, der Zugang zu Gesundheitsdaten, Forschung und moderne Technologien, um diese Chancen auszuschöpfen. Die Stellungnahme liefert dafür eine fundierte Grundlage und setzt Impulse. Ich sehe sie als Initialzündung. Nun kommt es darauf an, dass Wissenschaft, Politik und Gesundheitswesen gemeinsam die nächsten Schritte diskutieren und vorantreiben.

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