Viral, Teil 1: Eine Impfung gegen Demenz?
Daten aus Wales (und anderswo) geben der Forschung neue Impulse und rücken schwerwiegende Infektionen als mögliche Demenztreiber verstärkt in den Fokus.
Am Anfang der spektakulären Entdeckung stand ein ärgerlicher Engpass. In Wales sollten Senioren gegen Gürtelrose geimpft werden, aber es war nicht genug Impfstoff für alle vorhanden. 2013 war das, und die Mediziner wählten eine simple Lösung: Wer nach dem 2. September 1933 geboren wurde, bekam die Impfung, für die vorher Geborenen reichten die Dosen nicht aus. Viele Jahre später schauten sich Wissenschaftler Daten der Senioren noch einmal an, der Geimpften wie der Ungeimpften – und stießen auf eine Auffälligkeit, die jetzt die Forschung regelrecht beflügelt: Das Risiko, eine Demenzdiagnose zu bekommen, war bei den Geimpften um 20 Prozent niedriger.
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Impfungen mit positiver Nebenwirkung:
Jüngste Daten aus Wales (1), Australien (3), Kanada (4) und den USA (4) deuten darauf hin, dass Menschen mit einer Impfung gegen Gürtelrose – also gegen das entsprechende Herpes-Virus – seltener an Demenz erkranken als ungeimpfte Personen. Bei Frauen ist der Effekt deutlicher als bei Männern. Bei Geimpften ist auch die Häufigkeit für eine leichte kognitive Beeinträchtigung verringert (5). Solche Symptome – auch „Mild Cogntive Impairment“ genannt – sind mögliche Vorboten einer Demenz. Darüber hinaus reduziert die Impfung bei Menschen mit Demenz die Sterblichkeit (5). Demnach scheint die Impfung gegen Gürtelrose nicht nur eine Demenz verhindern oder zumindest verzögern zu können, sondern auch den Krankheitsverlauf („Progression“) bei bereits an Demenz erkrankten Personen zu verlangsamen.
Was steckt dahinter? Die Forschung nach möglichen Erklärungen läuft. Erhärten sich die Befunde, eröffnet die Gürtelrose-Impfung vielleicht einen neuen und leicht umsetzbaren Weg zur Vorbeugung von Demenz – zumindest für manche Personen, denn nicht alle scheinen gleichermaßen zu profitieren. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass auch andere Impfungen (etwa gegen Influenza) das Demenzrisiko verringern. Damit rücken schwerwiegende Infektionserkrankungen – wie Gürtelrose, Grippe oder COVID-19 – als mögliche Treiber von Demenz verstärkt in den Fokus der Wissenschaft.
„Diese Studie hat richtig Schwung in das Feld gebracht“, erinnert sich Prof. Dr. Konstantin Sparrer. Der Virologe arbeitet am DZNE-Standort in Ulm, und die mögliche Verbindung von Viren und neurodegenerativen Erkrankungen interessiert ihn schon lange. 2025 erschienen die Befunde aus Wales. Sie sind der handfeste Beleg für einen Zusammenhang, über den bis dahin nur Mutmaßungen kursierten: Dass wegen des Impfstoffmangels manche betagte Patienten je nach ihrem Geburtsdatum gegen Gürtelrose geimpft wurden und andere, die nur wenig älter waren, eben nicht – dadurch gab es in einer großen, sehr gut vergleichbaren Kohorte einen direkten Vergleich. Und der brachte endgültig den Beleg, dass die Impfung das Demenzrisiko signifikant verringert.
Hinweise auf einen Zusammenhang gab es schon seit vielen Jahren.
Viren als versteckte Schläfer
„Hinweise auf einen Zusammenhang gab es schon seit vielen Jahren“, erläutert Konstantin Sparrer. In den 1990er Jahren zum Beispiel wiesen Wissenschaftler das Herpes-Simplex-Virus im Gehirn von älteren Menschen mit Alzheimer nach. Und damit kam ein neuer Verdacht auf: „Lange Zeit war die Lehrmeinung, dass ein Schaden entsteht, während Viren aktiv sind, also nur in der akuten Phase der Erkrankung“, erklärt Konstantin Sparrer. Dass aber schleichende Schäden in den Gehirnzellen auftreten, war bis dahin unvorstellbar – ein Schaden, der sich zuweilen oft erst Jahrzehnte nach der Infektion bemerkbar macht. Konstantin Sparrer war genau deshalb so elektrisiert von den ersten Indizien, die darauf hindeuteten, dass die Viren irgendwo im Untergrund des menschlichen Körpers ein verborgenes Eigenleben führen könnten.
Und diese Indizien wurden immer häufiger. Vor allem ab 2010 veröffentlichten medizinische Fachzeitschriften immer öfter Studien, in denen Wissenschaftler irgendwo auf der Welt wieder ein Puzzlestück entdeckt hatten: Es gab zum Beispiel Hinweise darauf, dass eine Impfung gegen das Varizella-Zoster-Virus das Demenz-Risiko senken könnte (7). Es tauchte ein statistischer Zusammenhang zwischen dem Herpes-Simplex-Virus und dem Alzheimer-Risiko auf. In einer anderen Studie wurde nachgewiesen, dass Patienten, die im Laufe ihres Lebens häufig an Gürtelrose gelitten haben, ein deutlich erhöhtes Risiko für Alzheimer haben.
Mit jeder dieser Studie wurde klarer, dass es eine Verbindungslinie gibt, die von Viren zur Entwicklung von Demenz führt. Mit den Befunden aus Wales von 2025 (1) hat sich die Beweislage weiter verdichtet. Stand heute: Auch Daten aus anderen Ländern zeigen den risikomindernden Effekte der Gürtelrose-Impfung: Das gilt sowohl für die Impfung mit einem Lebendimpfstoff mit abgeschwächten Erregern (der inzwischen vielerorts nicht mehr verwendet wird) als auch für die Impfung mit einem modernen, „rekombinanten“ Präparat (2).
An dem Zusammenhang ist jetzt nichts mehr zu rütteln.
Verblüffende Parallelen zur Krebsforschung
„An dem Zusammenhang ist jetzt nichts mehr zu rütteln“, sagt Prof. Dr. Joachim Schultze. Für die Forschung ist das allerdings nur ein Zwischenschritt, denn noch fehlt Entscheidendes: „Wir wissen dadurch noch nicht, welche Mechanismen dabei im Körper ablaufen.“ Joachim Schultze, Vorstandsvorsitzender des DZNE, ist Experte für Systemmedizin und war lange im Bereich der Onkologie tätig. Manchmal, sagt er, habe er deshalb ein Déjà-Vu, denn die gleiche Debatte wie jetzt mit den neurodegenerativen Erkrankungen gab es schon einmal – über einen Zusammenhang von Viren und Krebs: „Diese Verbindung galt in der Medizin auch über lange Zeit für undenkbar“, sagt Schultze: „Der Forscher Harald zur Hausen wurde über ein Vierteljahrhundert hinweg belächelt, weil er hartnäckig darüber sprach, dass Viren für einige Tumorarten verantwortlich seien – so lange, bis er für seine Arbeiten im Jahr 2008 den Nobelpreis bekam.“ Daran fühlt sich Joachim Schultze erinnert, wenn er die Debatte über den Zusammenhang zwischen Viren und neurodegenerativen Erkrankungen verfolgt. Auch hier sei die Skepsis immer noch groß, allen Studien und Hinweise zum Trotz. Schultze schüttelt den Kopf: „Wieso“, fragt er, „soll ausgerechnet das Gehirn davor gefeit sein, dass Viren dort einen großen Schaden anrichten können?“
Die Erreger, die in der Forschung unter besonderer Beobachtung stehen, stammen aus der Familie der Herpes-Viren. Mit ihnen kommt nahezu jeder Mensch im Laufe seines Lebens in Kontakt, entsprechend verbreitet sind sie. „Es gibt Viren, die neuroinvasiv sind, die also auch das Gehirn befallen – und solche, die das nicht tun“, sagt Konstantin Sparrer. Herpes simplex zum Beispiel zählt zu den Viren, die Nervenzellen befallen; da liegt die Verbindung zu neurodegenerativen Erkrankungen noch nah. Aber auch Viren, die nicht primär auf das Gehirn spezialisiert sind, können dort Spuren hinterlassen. Selbst bei Covid- und Influenza-Viren gibt es Hinweise darauf, dass sie den Nervenzellen schaden können, ebenso wie das Epstein-Barr-Virus und viele weitere.
Auf der Suche nach dem Wirk-Mechanismus
Was genau aber läuft im Körper ab, dass das Gehirn Schaden nimmt? Oder, anders gefragt: Wie genau führen Viren dazu, dass Demenzen entstehen? Joachim Schultze: „Es gibt viele verschiedene Arten von Demenz, und die können generell unterschiedliche Ursachen haben. Es gibt zum Beispiel Eiweißstoffe, die sich ablagern und verklumpen. Speziell bei Alzheimer sind das sogenannte Amyloid-Proteine. Zum anderen können Demenzen auch eine vaskuläre Komponente haben, also mit dem Herz-Kreislauf-System zusammenhängen. Hinzu kommen unterschiedlichste Mischformen.“ Denkbar ist, dass die Viren eine weitere Ursache sind: Wenn also jemand im Laufe seines Lebens schwere Infektionen durchgemacht hat, könnte dabei immer wieder das Gehirn geschädigt worden sein. Solange noch ausreichend Nervenzellen vorhanden sind, fällt das nicht weiter auf – aber wenn dann in höherem Alter die Gedächtnisleistung ohnehin abnimmt, machen sich diese Vorschädigungen auf einmal bemerkbar. Das ist allerdings bislang nur eine Theorie. Ebenso gut ist es möglich, dass die Viren nicht der eigentliche Auslöser für eine Demenz sind, sondern nur andere Faktoren verstärken, die ihrerseits das Gehirn schädigen. So wurde in einer Studie berichtet, dass Zoster-Viren die Bildung von Amyloid-Ablagerungen begünstigen könnten, die an der Entstehung von Alzheimer beteiligt sind6. Vieles ist aber noch unklar.
Was indes feststeht: Es gibt Viren, die im Körper bleiben, wenn sie einmal eingedrungen sind. Herpes-Viren sind dafür ein Beispiel. Sie nisten sich im Hirn ein und bleiben dort. „Das Virus schläft gewissermaßen und wacht hin und wieder aus zumeist bisher unbekannten Gründen auf“, erklärt Konstantin Sparrer. Das Virus ist also nicht aktiv, es hinterlässt keine Spuren – aber es wird regelmäßig reaktiviert. Dass dann die typischen Herpes-Lippenbläschen entstehen, ist die sichtbare Folge dieses aufgewachten Virus. Was es aber im Gehirn anrichtet, ist noch ungeklärt. Und Herpes-Viren sind nicht die einzigen potenzieller Gefährder. Virologen wie Konstantin Sparrer unterteilen die Viren in drei Kategorien, was ihre Langzeitwirkungen betrifft: „Wir haben Viren, die nach der akuten Phase wieder verschwinden. Dann haben wir chronische Viren, die sich irgendwo verstecken und dann reaktiviert werden. Und wir haben Viren, die im Körper stecken und sich dort unbemerkt sehr, sehr langsam replizieren und dabei über Jahre und Jahrzehnte hinweg Schäden anrichten.“
Vielversprechende Aussichten auf eine Demenz-Prävention
Aus dieser Gemengelage entsteht für die Medizinforschung eine herausfordernde Frage: Wo setzt man am besten an, um tiefer in die Mechanismen einzudringen, die verborgen im Körper ablaufen? Joachim Schultze plädiert für eine breite, eine interdisziplinäre Herangehensweise: „Die Virologen haben etwas herausgefunden, die Immunologen und andere Fachleute auch. Aber was uns fehlt, ist die Verknüpfung zwischen diesen Entdeckungen. Seitens des DZNE werden wir der Sache nachgehen.“ Hilfreich seien große Studien mit vielen tausend Probanden – Untersuchungen wie jene zur Gürtelrose-Impfung in Wales. Inzwischen liegen so viele Erkenntnisse vor, dass die Wissenschaftler damit beginnen, Hypothesen aufzustellen. Warum also senkt die Impfung die Wahrscheinlichkeit einer Demenz? Schultze nennt zwei Theorien: „Infektionen sind Demenztreiber. Wenn die Impfung den Ausbruch der Gürtelrose verhindert, fällt dieser Risikofaktor weg. In diesem Fall haben wir also eine spezifische Wirkung gegen dieses spezielle Virus. Und die zweite Hypothese ist, dass die Impfung das Immunsystem in seiner allgemeinen Funktionalität verbessert und auf diese Weise einer Demenz entgegenwirkt.“ Im Alter nimmt üblicherweise die Leistungsfähigkeit des Immunsystems ab, es kann nur noch schwächer agieren – aber die Impfung könnte eine Art Booster sein, die es wieder schlagkräftiger macht. Zu beiden Hypothesen arbeiten derzeit überall auf der Welt Forschungsgruppen, die damit das Rätsel lösen wollen.
Der Pfad, auf dem sie unterwegs sind, könnte zu ganz neuen Ansätzen der Prävention von Demenz – also der Vorsorge – führen. Die bisherigen Befunde sind jedenfalls vielversprechend – genauso wie seinerzeit, als die Verbindung zwischen Viren und Krebserkrankungen entdeckt wurde und schließlich zum Nobelpreis führte.
Quellen & weitere Infos
- Zapping the Zoster Virus, Dodging Dementia, Alzforum (2025); A natural experiment on the effect of herpes zoster vaccination on dementia, Nature (2025); Gürtelrose-Impfung als Schutz vor Demenz, SMC Germany (2025); Could targeting viruses be a new hope against neurodegenerative diseases? PLOS Biology (2026)
- The recombinant shingles vaccine is associated with lower risk of dementia, Nature Medicine (2024)
- Shingles Vaccine Deflects Dementia in Aussies, Too, Alzforum (2025); Herpes Zoster Vaccination and Dementia Occurrence, JAMA (2025)
- At CTAD: More Hints That Shingles Shot Staves Off Dementia, Alzforum (2025); Herpes zoster vaccination and incident dementia in Canada: an analysis of natural experiments, Lancet Neurology (2026)
- The effect of shingles vaccination at different stages of the dementia disease course, Cell (2025)
- Varicella-Zoster Virus Infection of Primary Human Spinal Astrocytes Produces Intracellular Amylin, Amyloid-β, and an Amyloidogenic Extracellular Environment, The Journal of Infectious Diseases (2020)
- Shingles, Zostavax vaccination and risk of developing dementia: a nested case–control study—results from the UK Biobank cohort. BMJ Open (2020)
Text: Kilian Kirchgeßner, Feb. 2026