Maßgeschneiderte Zellen gegen schädliche Immunreaktion

Laborstudien sollen Weg für Therapie gegen neurologische Autoimmunerkrankungen bereiten

Berlin, 15. September 2026. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DZNE und der Charite - Universitätsmedizin Berlin arbeiten an einer zielgerichteten Behandlung neurologischer Autoimmunerkrankungen - in Studien mit Mäusen haben sie ihren Ansatz für zwei dieser Erkrankungen erfolgreich erprobt. Das Konzept beruht auf gezielt veränderten Immunzellen, sogenannten CAAR-T-Zellen. Diese sollen nur jene Zellen des Immunsystems ausschalten, die eine Erkrankung verursachen. Das Team um Prof. Harald Prüß plant, diese Erkenntnisse in die klinische Erprobung und langfristig in Therapien für den Menschen zu überführen. Noch befindet sich die Entwicklung im Laborstadium. Die Befunde zur neuromuskulären Immunerkrankung „Myasthenia gravis“ wurden jüngst im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht. Zuvor hatten die Forschenden ihren Ansatz bereits bei der autoimmunologischen Hirnentzündung Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis getestet. 

„Neurologische Autoimmunerkrankungen“ umfassen eine Gruppe von Erkrankungen mit vielfältiger Symptomatik, bei denen das Immunsystem gegen das eigene Nervensystem vorgeht. Dabei produzieren weiße Blutkörperchen aus der Familie der B-Zellen sogenannte Autoantikörper, die sich an körpereigene Zellen heften - genauer gesagt an bestimmte Proteine auf der Zelloberfläche. Die Folgen unterscheiden sich je nach Erkrankung: Bei der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis wird die Signalübertragung zwischen Nervenzellen im Gehirn gestört. Bei der Myasthenia gravis ist dagegen die Kommunikation zwischen Nerven und Muskeln beeinträchtigt. Auch die jeweils beteiligten Autoantikörper unterscheiden sich. 

Zellen gezielt ausschalten 

Herkömmliche Therapien zielen darauf ab, die gefährlichen Antikörper aus dem Blut zu entfernen oder das Immunsystem pauschal zu drosseln. Dadurch lassen sich die Symptome zwar häufig lindern, der Effekt ist jedoch meist nicht von Dauer und kann mit Nebenwirkungen einhergehen. Die Forschungsgruppe um Harald Prüß verfolgt daher einen anderen Ansatz: Die gefährlichen B-Zellen sollen mit Hilfe anderer Immunzellen – den CAAR-T-Zellen – gezielt beseitigt werden, so dass keine Autoantikörper mehr entstehen können. Dahinter steckt ein aufwändiges Verfahren, bei dem spezielle Immunzellen zunächst aus dem Blut entnommen und dann gentechnisch so verändert werden, dass sie ausschließlich die krankheitsrelevanten B-Zellen erkennen und abtöten können. Diese CAAR-T-Zellen werden dann per Infusionslösung verabreicht. 

Doppelter „Anschluss“ 

„Die B-Zellen können die problematischen Autoantikörper ausschütten, tragen sie aber auch auf ihrer Oberfläche. Genau dort können die CAAR-T-Zellen andocken. Dafür statten wir sie mit einer entsprechenden Kupplung aus“, so Dr. Niels von Wardenburg, Erstautor der aktuellen Veröffentlichung. Bei der Myasthenia gravis sei die Population der krankheitsrelevanten B-Zellen und Autoantikörper jedoch relativ divers. Eine einzige Kupplung reiche daher nicht aus, um möglichst viele krankmachende B-Zellen abzufangen. „Die Situation ist komplexer als im Fall der NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, an der wir unseren Ansatz schon vor einiger Zeit erfolgreich getestet haben. Deshalb haben wir unsere Verfahren weiterentwickelt und die CAAR-T-Zellen mit zwei unterschiedlichen Autoantikörper-Kupplungen ausgerüstet. So können sie ein breites Spektrum gefährlicher B-Zellen gezielt erkennen und beseitigen.“  

In Richtung klinische Prüfung 

Gentechnisch veränderte Immunzellen werden seit einigen Jahren erfolgreich in der Krebstherapie eingesetzt. In klinischen Studien wird dieses Verfahren inzwischen auch an neurologische Autoimmunerkrankungen erprobt. Zwar ähnelt der hier genutzte Ansatz namens „CAR-T-Therapie“ demjenigen, den die Berliner Fachleute verfolgen, was sich im nahezu identischen Namen widerspiegelt – doch es gibt einen entscheidenden Unterschied. „Die klassische CAR-T-Therapie erfasst nicht nur krankmachende, sogenannte autoreaktive Zellen. Sie erfasst auch Zellen, die nützlich sind. Unser Ansatz ist deutlich spezifischer. Wir gehen gezielt nur gegen krankmachende Immunzellen vor. Deswegen heißt unser Verfahren CAAR-T-Therapie und wird im Unterschied zum klassischen Ansatz mit doppeltem A geschrieben. Darin steckt der Begriff Chimeric Auto-Antibody Receptor“, erläutert von Wardenburg. 

Die Forschenden des DZNE und der Charité arbeiten derzeit daran, die nötigen Voraussetzungen für klinische Studien am Menschen zu schaffen. Ein Schwerpunkt liegt darauf, die CAAR-T-Zellen unter streng kontrollierten Bedingungen und nach festgelegten Qualitätsstandards herzustellen. 

 

Interview mit Erstautor Niels von Wardenburg: Neuer Ansatz gegen Myasthenia gravis: Genetisch modifizierte Immunzellen als gezielte Therapie, Berlin Institute of Health (2026) 

 

Originalveröffentlichung 
Bispecific chimeric autoantibody receptor T cells eliminate acetylcholine receptor-specific B cells in myasthenia gravis models.
Niels von Wardenburg et al.
Nature Communications (2026).
DOI/URL: https://doi.org/10.1038/s41467-026-76750-7