EU fördert Bonner Neurowissenschaftler mit 150.000 Euro
Neue Software soll genetische Risikofaktoren neurodegenerativer Erkrankungen erfassen
Bonn, 30. Juni 2026. Prof. Dr. Dr. Ahmad Aziz, Wissenschaftler am DZNE-Standort Bonn, erhält einen „Proof of Concept Grant“ des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, ERC). Er will eine innovative Software zur Analyse genetischer Risikofaktoren bei neurologischen Erkrankungen weiterentwickeln. Für seine Forschung erhält Ahmad Aziz 150.000 Euro für die Dauer von anderthalb Jahren.
Mehr als 50 schwere Erbkrankheiten werden durch Veränderungen in bestimmten DNA-Abschnitten verursacht, die als Short Tandem Repeats (STRs) bezeichnet werden. Dazu gehören auch neurodegenerative Erkrankungen wie die Huntington-Krankheit sowie verschiedene Formen der spinozerebellären Ataxien. STRs bestehen aus kurzen DNA-Sequenzen, die sich mehrfach hintereinander wiederholen. Diese Bereiche des Erbguts sind besonders instabil und daher anfällig für spontane Genmutationen. Bei betroffenen Menschen kann die Anzahl dieser Wiederholungen im Laufe ihres Lebens stark zunehmen. Je länger die Wiederholungssequenzen werden, desto instabiler sind sie.
Aktuelle Studien zeigen, dass diese „somatische Instabilität“ eine entscheidende Rolle bei Krankheitsprozessen spielt. Bislang fehlen jedoch geeignete bioinformatische Werkzeuge, um dieses Phänomen anhand genetischer Daten zuverlässig zu erfassen. Das erschwert sowohl die Entwicklung neuer Therapien als auch die Diagnostik.
„Die Instabilität dieser DNA-Sequenzen gilt als wichtiger Faktor bei einer Reihe schwerer neurologischer Erkrankungen. Unser Ziel ist es, neue Analyseverfahren bereitzustellen, die Forschung, Diagnostik und Therapieentwicklung gleichermaßen unterstützen“, sagt Ahmad Aziz, der neben seiner Forschungstätigkeit am DZNE auch als Neurologe im Zentrum für Neurologie (Klinik für Parkinson, Schlaf- und Bewegungsstörungen) des Universitätsklinikums Bonn arbeitet. Im vergangenen Jahr wurde er auf eine gemeinsame Professur der Universität Bonn (Institut für Medizinische Biometrie, Informatik und Epidemiologie) und des DZNE berufen.
Software für Forschung, Diagnostik und Medikamentenentwicklung
Das Vorhaben baut auf Ergebnissen aus Aziz‘ vom ERC geförderter Forschung auf, für die er 2022 einen mit 1,5 Millionen Euro dotierten „Starting Grant“ erhalten hat. Weiterentwickelt und auf ihre Zuverlässigkeit geprüft werden soll eine Software, die sowohl die gezielte Untersuchung einzelner STR-Instabilitäten als auch deren Analyse über das gesamte Genom hinweg ermöglicht.
Dafür nutzt das Team um Ahmad Aziz DNA-Sequenzierungsdaten sowie klinische und populationsbasierte Datensätze, darunter solche der Rheinland Studie und der britischen UK Biobank. Die neue Software soll innovative bioinformatische Algorithmen mit Methoden des maschinellen Lernens kombinieren, um STR-Veränderungen schneller und präziser zu analysieren als bisherige Verfahren.
Das Vorhaben entsteht in enger Zusammenarbeit mit mehreren Bereichen des DZNE: die Rheinland Studie unter Leitung von Prof. Dr. Monique Breteler, die PRECISE-Plattform unter Leitung von PD Dr. Marc Beyer sowie das Technology Transfer Office. Zudem sind internationale Kooperationspartner am Projekt beteiligt.
Potenzial für Patientenversorgung und Innovation
Langfristig soll das neue Analysewerkzeug dazu beitragen, die Entwicklung von Therapien gegen STR-bedingte Erkrankungen zu beschleunigen, genetische Risiken früher zu erkennen und neue krankheitsrelevante DNA-Veränderungen zu identifizieren. Damit könnte das Projekt wichtige Impulse für die Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen und die Präzisionsmedizin leisten.
„Wir wollen eine Software entwickeln, die die Analyse von Tandem-Repeats deutlich verbessert und damit neue Möglichkeiten für Forschung und Anwendung eröffnet. Anwendungsbereiche sehe ich zukünftig in der Pharmaindustrie und in der klinischen Praxis zur Diagnostik“, sagt Ahmad Aziz.
Über den ERC „Proof of Concept“ Grant: Der von der Europäischen Union eingerichtete Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC) fördert exzellente Wissenschaft. Der „Proof of Concept Grant“ unterstützt die Weiterentwicklung von ERC-geförderten Projekten – von bahnbrechender Forschung bis hin zu innovativen Anwendungen.