Von Greifswald nach Harvard

Interview mit DZNE-Wissenschaftlerin Dr. Iris Blotenberg über ihre von der DFG geförderte Forschung in den USA

Seit Juni forscht Dr. Iris Blotenberg, Postdoc in der Arbeitsgruppe von Prof. René Thyrian am DZNE-Standort Rostock/Greifswald, am renommierten Brigham and Women’s Hospital der Harvard Medical School in Boston. Ihren sechsmonatigen Aufenthalt ermöglicht das Walter-Benjamin-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Im Interview berichtet die Psychologin von ihrer Forschung zur digitalen Erfassung früher kognitiver Veränderungen, dem wissenschaftlichen Umfeld an der Harvard Medical School – und davon, wie sich internationale Forschung und Familienleben miteinander vereinbaren lassen. Außerdem gibt Iris Blotenberg hilfreiche Tipps für Early Career-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die selbst eine internationale Forschungsphase ins Auge fassen.
 

Was hat Sie motiviert, sich auf das Walter Benjamin-Programm der DFG zu bewerben, – und warum fiel Ihre Wahl auf Harvard als Gastinstitution? Gab es vorher schon eine Kooperation mit Harvard?

Zum einen wollte ich die Forschungskultur in den USA erleben und zum anderen wollte ich die Themen Diagnostik früher kognitiver Veränderungen, Remote Digital Assessments und Computational Modeling stärker in den Fokus meiner wissenschaftlichen Arbeit rücken. Das BRANCH Lab stand schnell im Zentrum meiner Überlegungen – seine methodische Ausrichtung und die enge Einbindung in die Harvard Aging Brain Study sind ideal für mein Vorhaben. Zwar hatte ich zuvor keine direkte Kooperation, konnte aber auf Netzwerke und Erfahrungswerte aus meinem Umfeld zurückgreifen: Prof. René Thyrian, mein Arbeitsgruppenleiter, hat mich von Anfang an in meiner Entscheidung bestärkt, beraten und umfassend unterstützt. Er selbst hat sehr von Forschungsaufenthalten in den USA profitiert. Auch David Berron, mein Mentor aus dem DZNE-Programm „Excellence in Science“, hat mich intensiv beraten. Er kooperiert seit Jahren mit der Harvard Medical School und hat mir das BRANCH Lab, in dem ich nun arbeite, empfohlen. Für Auslandsaufenthalte in den USA gibt es mehrere sehr gute Programme. Besonders interessiert haben mich das Walter Benjamin-Programm der DFG und das Fulbright-Programm des amerikanischen Außenministeriums – für beide habe ich dann auch eine Zusage erhalten. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber ich habe mich letztlich für das Walter Benjamin-Programm entschieden und kann es rundum empfehlen: Es bietet viel Flexibilität, legt Wert auf individuelle Förderung, der Begutachtungsprozess war transparent und zügig, und es gibt eine vergleichsweise großzügige Familienförderung, etwa zur Kinderbetreuung.

Worum geht es in Ihrem aktuellen Forschungsprojekt, und wie ist es in Ihre bisherige wissenschaftliche Arbeit eingebettet?

Im Zentrum meines Projekts steht BRANCH – das Boston Remote Assessment for NeuroCognitive Health – eine digitale Testbatterie zur Erfassung früher kognitiver Veränderungen im Rahmen der Alzheimererkrankung. Diese Testbatterie kam über mehrere Jahre in der Harvard Aging Brain Study zum Einsatz, so dass nun eine Untersuchung längsschnittlicher Verläufe in Abhängigkeit vom Biomarkerstatus möglich wird. In meinem Projekt untersuche ich, wie sich subtile kognitive Veränderungen im Rahmen der Alzheimererkrankung im Zeitverlauf weiterentwickeln. Mit diesem Projekt schlage ich dann auch eine Brücke zu meiner bisherigen wissenschaftlichen Arbeit, etwa meiner Promotion, in der ich zur Psychometrie kognitiver Leistungstests geforscht habe und zu meinem Habilitationsprojekt, in dem ich mit längsschnittlichen statistischen Verfahren den Symptomverlauf von Demenzen in Abhängigkeit von Lebensstilfaktoren untersuche. 

Welche Möglichkeiten bietet Ihnen Harvard für Ihre Forschung, die für Ihr Projekt besonders wertvoll sind?

Das wissenschaftliche Umfeld hier ist herausragend und bietet mir ideale Bedingungen für mein Forschungsprojekt. Hier forschen zahllose etablierte und aufstrebende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die Teams sind international und die Forschungsprojekte innovativ und hoch getaktet. Besonders wertvoll ist für mein Projekt der intensive Austausch mit meinen beiden Arbeitsgruppenleiterinnen aus dem BRANCH Lab, Prof. Rebecca Amariglio und Prof. Kathryn Papp – beide führende Expertinnen in ihrem Feld. Darüber hinaus ist der Zugang zu großen, gut charakterisierten Kohorten, insbesondere zur Harvard Aging Brain Study, extrem wertvoll für meine Forschungsarbeit. Internationale Vernetzung ist fest in der DNA der Harvard Medical School verankert und wird dort täglich gelebt, etwa durch hochkarätige Kolloquien und Journal Clubs. Außerdem organisiert die Harvard Medical School regelmäßige Vernetzungstreffen für Postdocs, bei denen man sich über Projekte austauschen, Ideen weiterentwickeln und neue Kooperationen anstoßen kann. 

Wie erleben Sie den wissenschaftlichen Austausch und den Arbeitsalltag in Harvard im Vergleich zur deutschen Forschungslandschaft – sowohl inhaltlich als auch im Hinblick auf Gleichstellung und Nachwuchsförderung?

Schon am DZNE habe ich ein unterstützendes und innovatives Umfeld mit engagierter Nachwuchsförderung erlebt. Was mir hier an der Harvard Medical School auffällt, ist der besonders offene Austausch – unabhängig davon, ob Ideen von Promovierenden oder Gruppenleitungen kommen. Mein Eindruck ist, dass sich die Wissenschaftslandschaft in den USA insgesamt als weniger „hierarchisch“ darstellt als beispielsweise in Deutschland. Im Hinblick auf Gleichstellung fällt auf, dass sehr viele Frauen wissenschaftliche Leitungspositionen innehaben. Die Betreuung ist eng und zugleich flexibel – ich habe wöchentliche One-on-One-Gespräche mit meinen Gruppenleiterinnen, in denen es sowohl um inhaltliche Fragen als auch um meine strategische Entwicklung geht. Hinzu kommen Kolloquien, Journal Clubs und die Förder- und Vernetzungsangebote der Harvard Medical School.

Sie absolvieren den Aufenthalt gemeinsam mit Ihrer Familie, Ihr Mann ist in Elternzeit – wie haben Sie gemeinsam diesen Schritt organisiert? Welche Erfahrungen machen Sie mit der Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Karriere und Familie im internationalen Kontext? Welche Strukturen oder Unterstützungsangebote in Harvard gibt es z.B. bei der Wohnungssuche?

Mein Mann hat mich von Anfang an sehr in dem Vorhaben unterstützt, hier für eine bestimmte Zeit zu leben und zu forschen. Auch für ihn ist der Aufenthalt eine bereichernde Erfahrung – die Möglichkeit, eine neue kulturelle und gesellschaftliche Umgebung kennenzulernen, das politische Geschehen direkt mitzuerleben und unseren gemeinsamen Alltag als Familie in einem internationalen Kontext zu gestalten, empfinden wir beide als sehr wertvoll. Was die Unterstützungsangebote für Familien vor Ort angeht, so ist Kinderbetreuung hier deutlich kostenintensiver und weniger staatlich organisiert. Dafür bemerken wir in unserem Alltag eine große Offenheit und Kinderfreundlichkeit. Außerdem gibt es vielfältige Angebote an den verschiedenen Universitätsstandorten bzw. den zugehörigen Krankenhäusern. Bei der Planung des Aufenthalts hat uns auch das International Office unterstützt, auch bei der Wohnungssuche, die hier nicht ganz einfach ist. 

Gab es besondere Herausforderungen bei der Planung und beim Ankommen mit Familie – und wie sind Sie damit umgegangen?

Die Planung des Aufenthalts war definitiv herausfordernd. Wir haben unsere Elternzeitmonate sorgfältig geplant und aufgeteilt – immer mit dem Ziel, gemeinsam nach Boston zu ziehen. Gleichzeitig war zunächst nicht klar, ob die Drittmittelanträge bewilligt werden und der Visaprozess reibungslos verläuft. Die politische Lage in den USA war und ist dynamisch und man spürt eine gewisse Verunsicherung unter internationalen Forschenden – auch wir machten uns im Vorfeld Sorgen, ob bei Einreise oder Aufenthalt alles funktioniert. Glücklicherweise verlief letztlich alles problemlos. Eine große Unterstützung war mein Arbeitsgruppenleiter, der mein Vorhaben von Anfang an mitgetragen und mir die nötige Flexibilität eingeräumt hat. Die konkreten Reisevorbereitungen, ein Umzug und das Ankommen in einem neuen Land erfordern mit einer kleinen Familie natürlich auch deutlich mehr Planung – und ein gewisses Improvisationstalent. Es ist aufwendig, lohnt sich aber in jeder Hinsicht. 

Welche Erfahrungen oder Empfehlungen würden Sie anderen Early Career-Wissenschaftlerinnen und –Wissenschaftlern mitgeben, die eine internationale Forschungsphase planen – gerade im Hinblick auf Förderprogramme wie das Walter Benjamin-Programm?

Zuallererst würde ich allen empfehlen, die Angebote des DZNE-Career Centers zu nutzen, das Team leistet tolle Arbeit. Sei es das Excellence in Science Programm, das Grant Writing Bootcamp oder andere Workshops für Postdocs – ich habe sehr davon profitiert. Und dann: Wenn man eine Forschungsidee und ein Team hat, mit dem man gerne arbeiten möchte: gut vorbereiten, Kontakt aufnehmen und einfach bewerben! Ich finde die Erfahrung, in unterschiedlichen wissenschaftlichen Umfeldern zu arbeiten, enorm bereichernd. Wichtig ist eine frühzeitige Planung – sowohl inhaltlich als auch organisatorisch. Ich würde mindestens ein Jahr Vorlaufzeit einplanen, da der Begutachtungsprozess für Förderanträge und der Visaprozess viel Zeit in Anspruch nehmen kann. Und noch ein Hinweis für die USA: Viele Stipendien decken den vorgeschriebenen Tariflohn hier an der Harvard Medical School und an vielen anderen Universitäten nicht ab. Deshalb werde ich hier zusätzlich zu meinem Stipendium von Mass General Brigham bezahlt. Das Lab sollte also idealerweise zu einer Co-Finanzierung der Postdoc-Stelle bereit sein. Das hat aber auch viele Vorteile, etwa beim Zugang zu einer guten Krankenversicherung und zu anderen Benefits.

August 2025 / Das Interview führte Dr. Christine Knust.

Über das Walter-Benjamin-Programm der DFG: Das Walter Benjamin-Programm der DFG ermöglicht es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Qualifizierungsphase im Anschluss an die Promotion, ein eigenes Forschungsvorhaben am Ort ihrer Wahl selbständig umzusetzen. Mit der Einwerbung von Fördergeldern für ein eigenständiges Forschungsvorhaben wird der Grundstein für die weitere, zunehmend selbständige wissenschaftliche Karriere gelegt und die erwünschte Eigenverantwortlichkeit von besonders qualifizierten Postdoktorandinnen und Postdoktoranden gestärkt. Das Programm dient damit der Förderung der frühen wissenschaftlichen Karriere. Es hat zum Ziel, die in dieser Karrierephase relevante Mobilität und thematische Weiterentwicklung zu unterstützen, daher ist in dem Programm im Regelfall ein Wechsel der Einrichtung vorgesehen.

Das Vorhaben kann an einer Forschungseinrichtung in Deutschland oder im Ausland durchgeführt werden, wobei die gastgebende Einrichtung das Vorhaben unterstützt.