Forschung am Zellskelett
Doktorand Cedric Böger im Interview über seine Auszeichnung für ALS-Forschung
Bonn, 23. Oktober 2025. Cedric Böger, Doktorand in der Forschungsgruppe von Prof. Frank Bradke am DZNE Bonn, wurde kürzlich mit dem „3rd annual Drs. Ayeez and Shelena Lalji & Family Student Scholar Award for Repair and Regenerative Mechanisms in ALS“ in Höhe von 5.000 US-Dollar ausgezeichnet. Der Preis, der zum dritten Mal seit 2023 vom Healey & AMG Center for ALS at Massachussetts General Hospital in Boston vergeben wurde, wird durch die Unterstützung der Drs. Ayeez und Shelena Lalji sowie der Familienstiftung „ALS Heroes“ermöglicht. Er würdigt Bögers Forschung zur Regeneration von Nervenzellen bei Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Im Interview spricht der Neurobiologe über die persönliche Bedeutung dieser Ehrung und darüber, wie seine Arbeit langfristig neue Therapieansätze gegen die Erkrankung eröffnen könnte. Außerdem berichtet Cedric Böger von seinen Eindrücken beim 24. Annual NEALS Consortium Meeting in Florida, auf dem er den Preis entgegennahm und sich mit Forschenden aus aller Welt austauschen konnte.
Herzlichen Glückwunsch! Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung persönlich und für Ihre weitere wissenschaftliche Laufbahn?
Vielen Dank! Diese Auszeichnung bedeutet mir sehr viel – persönlich und auch für meine Forschung. Es ist eine große Ehre, dass meine Arbeit auf internationaler Ebene Anerkennung findet, vor allem von einer Stiftung, die sich so aktiv für Menschen mit Amyotropher Lateralsklerose, kurz ALS, einsetzt. Der Preis hilft mir, meine Forschung zur Regeneration von Nervenzellen weiter voranzutreiben, und öffnet Türen für neue Kooperationen mit anderen Forschenden weltweit.
In Ihrem prämierten Forschungsprojekt werden Sie sich mit der Regeneration von Axonen beschäftigen – das heißt, Sie erforschen, wie Nervenzellen nach einer Schädigung wieder nachwachsen können. Was genau untersuchen Sie, und warum ist das für ALS so entscheidend?
Bei der ALS sterben nach und nach bestimmte Nervenzellen, die Motorneurone, im Gehirn und Rückenmark ab. Diese Zellen steuern unsere Muskeln. Wenn sie geschädigt werden oder ihre langen Fortsätze, die Axone, absterben, verlieren sie normalerweise ihre Funktion. Dadurch verlieren die Muskeln nach und nach ihre Ansteuerung und das führt zu Schwäche und Lähmung.
In meinem Projekt untersuche ich, ob und wie diese Motorneurone repariert werden können. Konkret erforsche ich, wie die inneren Strukturen der Nervenzellen – das sogenannte Zytoskelett – sich nach einer Verletzung oder bei Krankheiten wie ALS verändert. Dieses eigentlich stabile Zytoskelett geht dabei verloren, zieht sich zurück und fördert das Absterben des Axons. Ich erforsche, ob bestimmte Proteine die Stabilität dieser Strukturen verbessern können und diesen Prozessen aktiv entgegenwirken. Wenn das gelingt, könnten beschädigte Nervenzellen ihr Axon vielleicht wieder aufbauen, statt weiter zu degenerieren – ein möglicher Schlüssel, um das Fortschreiten von ALS abzuwehren. Die Krankheit schreitet nämlich meist rasch voran und führt oft innerhalb von zwei bis fünf Jahren zum Tod. Diese Prognose zu verbessern, ist essentiell wichtig.
Was könnte Ihr Forschungsansatz langfristig für das Verständnis oder die Behandlung von ALS verändern?
Langfristig hoffe ich, die grundlegenden Mechanismen besser zu verstehen, die darüber entscheiden, ob eine Nervenzelle nach einer Schädigung wieder wachsen kann oder nicht. Besonders das Zytoskelett wird bei aktuellen Therapieansätzen in ALS wenig beachtet, obwohl es eine zentrale Struktur der Nervenzellen ist. Wenn wir herausfinden, wie man die Selbstheilungskräfte und Strukturen der Nervenzellen gezielt aktiviert, könnten sich daraus ganz neue Therapieansätze ergeben – nicht nur für ALS, sondern auch für andere Krankheiten, bei denen Nervenzellen geschädigt werden, wie zum Beispiel Rückenmarksverletzungen. Bei diesen größeren Ideen ist natürlich unsere gesamte Forschungsgruppe involviert.
Mit dem Preisgeld von 5.000 US-Dollar können Sie neue Ideen vorantreiben – was möchten Sie damit als Nächstes umsetzen?
Das Preisgeld ermöglicht mir, neue experimentelle Ansätze zu testen und verbessern, die sonst schwer zu realisieren wären. Zum Beispiel möchte ich mithilfe spezieller Mikroskopie-Verfahren live beobachten, wie sich die inneren Strukturen von Nervenzellen in ALS-Zell-Modellen verändern. Wir sehen also in Echtzeit, was in den Zellen passiert, nach Verletzungen und wenn sie versuchen, sich zu heilen. Dabei können wir auch direkt sehen, wie unsere Therapieansätze wirken. Solche Experimente können entscheidende Hinweise geben, welche Prozesse man gezielt unterstützen sollte.
Sie haben den Preis auf dem Annual NEALS Consortium Meeting in Florida erhalten, das ALS-Forschende aus aller Welt zusammenbringt. Was waren für Sie die spannendsten Eindrücke oder Erkenntnisse von der Konferenz?
Für die Preisverleihung wurde ich zur NEALS-Konferenz eingeladen und durfte dort einen Vortrag über meine bisherigen Forschungsergebnisse halten. Die Konferenz war unglaublich inspirierend. Es war beeindruckend zu sehen, wie viele Forschende weltweit gemeinsam daran arbeiten, ALS besser zu verstehen und neue Therapien zu entwickeln. Besonders spannend fand ich den Austausch über die vielen klinischen Studien, bei denen neue Therapiemöglichkeiten direkt an den Patientinnen und Patienten getestet werden. In dem Forschungsfeld passiert aktuell sehr viel. Gleichzeitig hat mich der persönliche Einsatz vieler Menschen beeindruckt, die selbst mit ALS leben und sich aktiv für die Forschung engagieren. Diese Begegnungen zeigen, warum unsere Arbeit so wichtig ist.
Was nehmen Sie aus der Auszeichnung und dem Meeting mit – und wie beeinflusst das Ihre nächsten Forschungsvorhaben innerhalb des DZNE oder mit internationalen Partnern?
Ich nehme vor allem Motivation und neue Ideen mit. Durch das Meeting konnte ich viele Kontakte zu anderen Arbeitsgruppen knüpfen, die an ähnlichen Fragen forschen, vor allem in die USA. Durch solche Treffen bleiben wir Forschenden immer auf dem neuesten Stand. Das ist sehr inspirierend. In Zukunft möchten wir diese internationalen Verbindungen nutzen, um gemeinsame Projekte zu starten. Innerhalb des DZNE werden wir weiter daran arbeiten, die Grundlagen der Nervenzell-Regeneration besser zu verstehen – mit dem Ziel, dieses Wissen in konkrete Behandlungsansätze umzusetzen.
Das Interview führte Dr. Christine Knust.
Meldung des Sean M. Healey & AMG Center for ALS at Massachussetts General Hospital (in Englisch)