Alzheimer: USA genehmigen Bluttest
Interview mit DZNE-Forscher André Fischer
Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat erstmals einen Bluttest zur Diagnose von Alzheimer zugelassen. Es handelt sich um den weltweit ersten Test dieser Art für den Einsatz in der Routineversorgung – also außerhalb von klinischen Studien. Der Test ist für Menschen im Alter ab 55 Jahren vorgesehen, die Symptome einer Alzheimer-Erkrankung aufweisen. Prof. André Fischer, Sprecher des DZNE-Standorts Göttingen und Forschungsgruppenleiter, kommentiert die aktuelle Entwicklung.
Herr Fischer, wie funktioniert dieser Bluttest?
Bei der Alzheimer-Erkrankung sammeln sich im Gehirn zwei Arten von Eiweißstoffe an: Amyloid-Beta-Proteine und Tau-Proteine. Von dort können sie ins Nervenwasser gelangen. Sie sind aber auch im Blut nachweisbar. Hier setzt dieser Test an, er misst die Konzentration dieser Proteine im Blut. Genaugenommen wird das Konzentrationsverhältnis dieser beiden Proteine bestimmen. Liegt der Wert jenseits einer bestimmten Schwelle, ist das ein starkes Indiz für eine Alzheimer-Erkrankung. Das wurde in einer klinischen Studie nachgewiesen.
Der Test ist für Menschen mit Symptomen der Erkrankung vorgesehen?
Richtig, die Testergebnisse sind als Ergänzung zu weiteren Untersuchungen gedacht, um den Verdacht einer Alzheimer-Erkrankung zu erhärten oder zu entkräften. Für die Diagnose einer Alzheimer-Erkrankung sind also zusätzliche Untersuchungen erforderlich. Insbesondere ein Gedächtnistest. Man würde diesen Test nur bei einem Anfangsverdacht machen.
Wie schnell hat man ein Ergebnis?
Das Ergebnis liegt in der Regel nach wenigen Tagen vor, da der Test in spezialisierten Laboren durchgeführt wird, die mit der sogenannten Lumipulse-Technologie arbeiten. Diese basiert auf automatisierten immunchemischen Messungen. Derzeit ist der Test also noch nicht für den Hausarzt verfügbar, aber es ist ein wichtiger Schritt in Richtung routinetauglicher Diagnostik.
Wie früh kann dieser Test eine Alzheimer-Erkrankung erkennen?
Der Test kann bereits im frühen Krankheitsstadium pathologische Veränderungen erfassen – und zwar sowohl Amyloid-β42/40-Verhältnisse als auch phosphoryliertes Tau (pTau-217), das mit neurodegenerativen Prozessen assoziiert ist. Damit ist er deutlich aussagekräftiger als Tests, die nur Amyloid messen. Eine Anwendung im präsymptomatischen Stadium ist künftig denkbar, derzeit richtet sich der Test aber an Personen mit ersten kognitiven Symptomen.
Wie hat man diese Proteine bisher nachgewiesen?
Durch eine Analyse des Liquors, also des sogenannten Nervenwassers, oder aber durch eine Untersuchung des Gehirns mithilfe der Positronen-Emissions-Tomografie, kurz PET. Beide Verfahren sind etabliert, allerdings sind sie technisch aufwändig und invasiv. Manche Patienten haben deshalb Vorbehalte. So wird bei der PET ein radioaktives Präparat verabreicht, bei der Liquor-Untersuchung wird mit einer feinen Kanüle Flüssigkeit aus dem Rückenmarkskanal entnommen. Für den Test hingegen reicht eine Blutprobe.
Seit Jahren wird an einem Bluttest für Alzheimer geforscht. Konkret die Amyloid-Beta-Proteine und Tau-Proteine stehen schon lange im Fokus. Warum gibt es erst jetzt einen Bluttest für die Routineversorgung? Was macht die Messung dieser Proteine im Blut so schwierig? Für den Nachweis im Liquor gibt es ja schon länger etablierte Verfahren.
Eine Herausforderung war die extrem niedrige Konzentration beider Marker im Blut. In den letzten Jahren wurden sowohl die Antikörper als auch die Sensitivität der Messsysteme weiterentwickelt – der Lumipulse-Test nutzt eine sehr präzise automatisierte Plattform, die nun erstmals eine zuverlässige Doppelbestimmung ermöglicht.
Wann rechnen Sie mit einer Zulassung in Europa?
Der Test kann in Europa derzeit für Forschungszwecke angewendet werden. Wann eine CE-Zertifizierung erfolgt, ist aktuell nicht absehbar und hängt unter anderem davon ab, ob sich der Test in den USA im Zusammenhang mit den kürzlich zugelassenen Anti-Amyloid-Therapien klinisch bewährt.
Die breite klinische Implementierung in Europa wird zudem davon abhängen, ob eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen erfolgt und ob weitere klinische Validierungsstudien positive Ergebnisse liefern. Die kürzlich erfolgte FDA-Zulassung dürfte diesen Prozess in Europa jedoch beschleunigen.
Sie selbst arbeiten auch an einem Bluttest für Alzheimer. Allerdings messen sie keine Amyloid-Beta-Proteine und Tau-Proteine sondern sogenannte microRNAs, verkürzt nennt man diese Moleküle „miRNAs“. Worin liegen die Unterschiede zum nun zugelassenen Test? Warum benötigt man überhaupt verschiedene Tests?
Während Tests wie Lumipulse auf Amyloid und Tau-Proteine zielen, erfassen miRNAs andere sehr frühe, regulatorische Veränderungen, oft lange vor dem klinischen Ausbruch. Wir analysieren, wie bestimmte miRNAs im Blut das Krankheitsrisiko anzeigen können, auch in Kombination mit anderen Biomarkern. Das könnte besonders für die Früherkennung und Verlaufskontrolle wichtig sein – also dort, wo klassische Marker alleine noch keine eindeutigen Aussagen liefern.
Außerdem gehen wir davon aus, dass ein einziger Marker kaum alle Patienten abdecken wird. Alzheimer verläuft komplex und in Phasen. Ein multiparametrischer Ansatz, der Amyloid, Tau, miRNAs und digitale Marker etc. kombiniert, wird wahrscheinlich die Zukunft der Diagnostik sein.
Wie weit sind Sie mit der Entwicklung Ihres Tests?
In unserer aktuellen Studie konnten wir zeigen, dass bestimmte miRNA-Profile eine spätere Alzheimer-Erkrankung bei Personen mit milden kognitiven Einschränkungen frühzeitig vorhersagen. Derzeit arbeiten wir daran, diese Marker in einfache, quantitative Tests zu überführen – zum Beispiel auf der Basis von digitaler PCR oder lateral-flow-Tests, die sich auch in der Praxis einsetzen lässt.
Würde sich Ihr Test für die breite Anwendung in hausärztlichen Praxen eignen, oder wird er nur in Gedächtnisambulanzen und anderen neurologischen Einrichtungen durchführbar sein?
Langfristig ist es das Ziel, molekulare Bluttests so zu entwickeln, dass sie auch in hausärztlichen Praxen eingesetzt werden können – nicht nur in spezialisierten Gedächtnisambulanzen.Testverfahren wie ELISA, digitale PCR oder automatisierte Immunoassays sind grundsätzlich standardisierbar und lassen sich in klinischen Routinelaboren umsetzen. Sobald sie ausreichend validiert und zugelassen sind, könnten sie auch in der breiten ambulanten Versorgung Anwendung finden.
Derzeit werden die meisten dieser Tests noch in Speziallaboren durchgeführt, aber die Entwicklung geht klar in Richtung vereinfachter, schneller durchführbarer Verfahren. Ein Testergebnis wäre dann meist innerhalb von ein bis zwei Tagen verfügbar – perspektivisch vielleicht sogar am selben Tag, vor Ort.
Die größte Chance dieser Bluttests liegt darin, künftig eine niederschwellige Frühdiagnostik zu ermöglichen und so Risikopatienten zu erkennen – unabhängig von komplexer Bildgebung oder invasiven Verfahren. Wir wünschen uns für die Alzheimerdiagnositk letzlich eine ähnliches Vorgehen wie bei der Krebsvorsorgeuntersuchung.
Abgesehen von Bluttests wird ja auch sogenannten digitalen Tests geforscht – auch am DZNE. Dabei geht es zum Beispiel um Gedächtnistests auf dem Smartphone oder um Auffälligkeiten in der Sprache. Angesichts dieser vielfältigen Ansätze – wo sehen Sie die Zukunft der Alzheimer-Diagnostik?
Es ist ganz klar, dass die Zukunft der Alzheimer-Diagnostik multimodal und vernetzt sein wird. Kein einzelner Test – weder molekular noch digital – wird vermutlich ausreichen, um der Komplexität der Erkrankung gerecht zu werden. Vielmehr geht es darum, unterschiedliche Informationsquellen intelligent zu kombinieren.
Digitale Verfahren wie sprachbasierte Analysen, kognitive Tests per Smartphone oder sensorgestützte Bewegungsprofile haben den Vorteil, dass sie kontinuierlich, nicht-invasiv und im Alltag anwendbar sind. Sie liefern wertvolle Hinweise auf funktionelle Veränderungen – oft bevor klassische Symptome auftreten. Auch hier ist das DZNE an vorderster Front der Forschung aktiv. Kollegen aus Magdeburg um Prof. Emrah Düzel und Dr. David Berron haben zum Beispiel eine Smartphone-App entwickelt, die frühe kognitive Veränderungen erkennen kann und sich derzeit in der Testphase befindet.
Molekulare Bluttests hingegen erfassen biologische Veränderungen auf Zellebene, etwa in Form von Amyloid, Tau oder regulatorischen RNAs. Sie liefern objektive Messwerte, die eine biologische Subtypisierung ermöglichen – was besonders für zukünftige gezielte Therapien wichtig ist. Langfristig wird die Stärke darin liegen, diese beiden Welten zu integrieren: also biologische, kognitive und digitale Daten gemeinsam auszuwerten – idealerweise mithilfe von künstlicher Intelligenz. So könnten wir ein individuelles Risikoprofil erstellen und den Krankheitsverlauf viel früher und präziser erkennen als heute. Das ist der Weg in Richtung personalisierter Demenzmedizin.
Mai 2025, Interview: Dr. Marcus Neitzert