Interview mit Sven Kernebeck vom Zweikörperproblem Podcast

Sven Kernebeck ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am DZNE-Standort Witten. Sein Arbeitsschwerpunkt ist u. a. die nutzerzentrierte Entwicklung und Evaluation von digitalen Interventionen für die Versorgung von Menschen mit Demenz.

Seit Mitte 2018 betreibt er gemeinsam mit Markus Gennat und Jan Ehlers, den Digital Health Podcast Zweikörperproblem. Gegenstand der Diskussionen ist dabei wie Digitalisierung, Technologien und Innovationen die Gesundheit der Bevölkerung beeinflussen und welche Folgen damit einhergehen.

Das klingt alles sehr spannend und daher haben wir uns mit Sven Kernebeck über seinen Podcast unterhalten.

Wie sind Sie darauf gekommen einen Podcast zu starten? Und wie lange gibt es den Podcast schon?

Ich höre selber seit vielen Jahren Podcasts, gerade natürlich zu Themen, die mit Technologien und Digitalisierung zu tun haben. Es gab zum Thema Digital Health kaum etwas in Deutschland, da lag es sehr nahe, mit einem eigenen Podcast zu beginnen. Zudem ist Markus und mir aufgefallen, dass wir bei Treffen immer erst über Jazz und Hip-Hop Schallplatten diskutieren und im Anschluss Stunden damit verbringen, über die technologische Entwicklung zu sprechen. Wir sind zudem beide groß Science-Fiction-Fans. Da Markus ebenfalls im Bereich Digitalisierung/Technologien im Gesundheitswesen arbeitet, war das Vorhaben für uns klar. Es musste nur noch ein Catchy Name her und Zweikörperproblem (die Physiker kennen das) war geboren.

Aber warum ist Podcasten so Populär? Und warum ist das Medium für die Wissenschaft interessant?

Die Popularität lässt sich meiner Ansicht nach auf die Bedürfnisse der Menschen zurückführen, flexibel Informationen zu konsumieren und sich dadurch Wissen anzueignen. Gerade wissenschaftliche Themen können durch Podcasts in einer ganz anderen Art und Weise kommuniziert und diskutiert werden. In der Regel kann man im Radio oder in Vorträgen nur die sehr bekannten Expertinnen und Experten hören oder man liest eben einen Artikel. Aber in einem Podcast kann man jedem kleinen Start-Up, Forschungsprojekten und jedem, der Leidenschaft an einem Thema besitzt, eine Stimme geben. Es lassen sich Themen ganz anders diskutieren, als es sonst der Fall ist. Über einen Podcast lernt man Menschen kennen, die man sonst nie kennenlernen würde, selbst wenn man noch so gut im Networking ist. Dabei ist die Atmosphäre bei uns immer humorvoll und casual. Wir driften  immer mal vom Thema ab und schwenken zu Science Fiction über. Versuchen Sie das mal in einem Artikel.

Wie war denn der Start? Muss man nicht zuerst eine Menge Software und Hardware kaufen bevor man loslegen kann?

Das ist das großartige am Podcasten, ein halbwegs gutes Mikro  für unter 100 € ist ausreichend. Bei einem guten Mikro im Laptop ist sogar dieses ausreichend. Die Software zum Aufnehmen und Schneiden gibt es kostenfrei. Das größere Problem ist es, sich in die Logik des Podcastens einzuarbeiten: Man braucht eine Webseite, einen Hosting Service, Suchmaschinenoptimierung, Twitter, Logo, etc. Aber wenn man ein wenig affin ist, geht das schnell. Ein paar Stunden YouTube und du kannst es.

Wie finden Sie ihre Themen? Ergibt sich das aus dem Alltag als Forscher oder nehmen Sie auch Vorschläge der Zuhörer auf?

Wir beschäftigen und alle drei beruflich intensiv mit digitalen Themen, zudem lesen wir gerne Bücher: Wir haben eine lange, sehr lange Excel-Liste mit Themen, die wir wahrscheinlich niemals abarbeiten können. Was Technologien und der Einfluss auf die Gesundheit angeht, gibt es eine unendliche Themenvielfalt. Gesundheit und Krankheit entstehen nicht nur im Gesundheitssystem, da halten wir uns eng an die Ottawa Charta der WHO. Künstliche Intelligenz wandelt die medizinische Diagnostik und das Berufsbild des Arztes fundamental. Autonomes Fahren wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer drastischen Reduktion von Unfällen und zum Wegfall ganzer Berufsbilder führen. Die Elektrifizierung der Automobilindustrie beeinflusst die Geräusche und die Luft in unseren Städten. Das Smartphone beeinflusst z. B. die Schlafqualität oder wie wir Partner finden. Biotechnologie und mRNA-Impfstoffe wandeln gerade die Pharmaindustrie und die Eigenschaften von Impfstoffen. An welchen Punkten der Versorgung ist es ethisch gerechtfertigt, einen Roboter einzusetzen? Dazu steigt die Lebenserwartung, je nachdem wem Sie glauben, alle 10 Jahre um ca. 1,5 bis 3 Jahre. Kurzum: In nahezu jedem gesellschaftlichen Bereich, werden neue Technologien unser Leben und die Gesundheit der Menschen beeinflussen, viele Prozesse verlaufen gleichzeitig. Kern der Entwicklung ist insbesondere die Konvergenz von Technologien, also das Phänomen „Convergence“. Und es ist zumindest von einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass sich durch neue Denkschulen wie Deep-Tech komplexe gesundheitliche Probleme in Zukunft bekämpfen lassen. Aber es werden dafür neue gesundheitliche Probleme hinzukommen, die wir heute noch nicht kennen.

Die aktuelle Folge beschäftigt sich mit dem Magdeburger Start-Up „neomento“. Dort sind auch DZNE’ler beteiligt. Hat der Podcast denn auch Einfluss auf Ihre Forschung? Entstehen da auch Kooperationen für die Arbeit oder schauen Sie einfach aus Neugier in die Forschung anderer DZNE Kollegen?

Definitiv, man lernt mit jeder Folge viel hinzu: Zum einen, weil man sich natürlich vorbereiten muss: Im Fall neomento eben mit der Logik und Evidenz von Virtual Reality in der Angsttherapie. Zum anderen lernt man auch durch die Diskussion mit den Menschen hinzu. Von Jens Klaubert und Phillip Stepnicka haben wir viel über das Potential und zukünftige Entwicklung im Bereich Virtual Reality gelernt. Das Potential für neue Kooperationen ist dabei riesig. Ich habe mich schon weit vor unserem Podcast mit Jens Klaubert über den Ansatz von neomento ausgetauscht und wie sie bei der geplanten Ausgründung vorgehen, dabei habe ich viel gelernt. Und Neugier ist immer mit an Bord.

Erzählen Sie uns doch noch kurz etwas über die beiden Mitstreiter.

Wie gesagt, Markus und ich sind gute Freunde und könnten Stunden über unsere Themen diskutieren. Markus ist gleichfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter und arbeitet an der Fachhochschule Münster am Fachbereich Gesundheit. Jan ist etwas später hinzugekommen, er ist Professor für Medizindidaktik an der Universität Witten/Herdecke. Es hat sich herausgestellt, dass wir mit ihm ebenso Stunden über unsere Themen diskutieren können. Jan und Markus sind beide sehr leidenschaftliche und sehr kompetente Mitstreiter: Wir haben dazu alle einen anderen Blickwinkel auf die Themen. Wir möchten dabei, trotz vieler Bedenken, Ängste und möglicher Dystopien, die mit der Digitalisierung und neuen Technologien verbunden sind, Mut und Zuversicht auf digitale Themen werfen.

Sie bezeichnen sich auf der Webseite des Podcast als  „Star Trek-Scenario-Argumentator“. Was muss man sich darunter vorstellen?

Naja, Science Fiction spielt bei Technologien eine große Rolle. Dabei werden häufig Szenarien für zukünftige Entwicklungen abgezeichnet. Anhand solchen Szenarien lassen sich auch zum Thema Gesundheit viele ethische und moralische Fragen diskutieren. Gene Roddenberry, also der Erschaffer von Star Trek, hat für mich eine besonders erstrebenswerte Zukunft der Gesellschaft abgebildet, gut, bis auf die Klingonen vielleicht. In Gene Roddenberry  Zukunft hat die Menschheit Phänomene wie den Materialismus, Kriege (also unabhängig von Kriegen mit den Klingonen natürlich) oder Hunger sind überwunden, man ist weitestgehend unabhängig von Ressourcen und Erwerbsarbeit. Forschung und Entwicklung sowie der gemeinschaftlicher Fortschritt steht im Mittelpunkt. Das ist ein Szenario, welches ich als wünschenswert erachte. Das Matrix Szenario ist ein weiteres. Menschen sind von Maschinen versklavt und fungieren nur als Energiequellen für Maschinen. In der Matrix wird das alltägliche Leben der Menschen in einer virtuellen Realität simuliert. Das halte ich nicht für besonders erstrebenswert. Welches Szenario man für wahrscheinlicher hält, sei natürlich jedem selbst überlassen. Wir diskutieren in unserem Podcast oft über solche Szenarien und jeder ist mal mehr von dem einen und mal mehr von dem anderen Szenario überzeugt. Ich jedenfalls möchte mit der Enterprise fliegen: deswegen ist mir u.a. dieses Szenario eben am liebsten. Wahrscheinlich trifft keines der beiden Szenarien zu.

Ihre Podcast Empfehlungen bitte?!

Die Frage habe ich befürchtet. Wie viel Platz habe ich? In Deutschland entwickelt sich seit einigen Jahren eine große Podcast-Szene, aber sie ist noch nicht so ausdifferenziert, wie z. B. in den USA. Es gibt beispielsweise in England einen Podcast, in dem junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ausführlich über Demenzforschung berichten, über ihre Themen, oder ihre Probleme bei Publikationen. Man lernt dort auch, wie die Demenzforschung in UK funktioniert. Es bildet sich aber gerade seit 2018 in Deutschland eine starke Podcast-Szene zum Thema Gesundheit aus. Eine Studierende am DZNE Witten, Franziska Jagoda, ist z. B. an einem Podcast zum Thema Pflege beteiligt, dem „Übergabe Podcast“ - bitte direkt reinhören . Ich kann sehr die Podcasts „Kritisches Denken“, „Evidenzgeschichen“ und den „eHealth Podcast“ empfehlen. Ein toller Podcast zum Thema Gesundheitspolitik ist z. B. der „GMP Podcast“. Am liebsten höre ich jedoch den Podcast von Netzpolitik.org und von Sascha Lobo. Für kritische Denker kann ich den „Nachgefragt Podcast“ empfehlen. Ich fange nicht von Star Trek Podcasts an, davon gibt es zu viele.

 

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Der Podcast twittert an dieser Stelle und ist u. a. auf Panoptikum oder Spotify zu hören.

Mehr Informationen über neomento.
 

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