Start-up „neomento“: virtuelle Therapie gegen reale Ängste

Berlin, 14. Juli 2022. Die Berliner „neomento GmbH“ entwickelt Virtual-Reality-Szenarien für die Behandlung sozialer Phobien – ein Überbegriff für psychische Störungen, die bei Begegnungen und im Zusammenspiel zwischen Menschen auftreten. Das Unternehmen ist eine Ausgründung des DZNE. Der Clou der Technologie von neomento: Eine Therapie mit Virtual Reality lässt sich einfacher umsetzen als konventionelle Verhaltenstherapien und zugleich flexibler an die individuellen Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten anpassen.

Prof. Thomas Wolbers erforscht mit Hilfe von Virtual Reality (VR) wie sich Menschen räumlich orientieren und inwiefern Orientierungsstörungen auf eine Demenz hinweisen können. „VR eignet sich allerdings nicht nur für die Demenzforschung, sondern auch für die Therapie psychischer Störungen, insbesondere bei Symptomen, die in sozialen Kontexten auftreten“, so der Neurowissenschaftler. Auf der Grundlage des Know-hows seiner Forschungsgruppe, die am DZNE-Standort Magdeburg beheimatet ist, entstand daher 2020 die neomento GmbH. Das Unternehmen mit Sitz in Berlin entwickelt – für die Therapie sozialer Phobien –computergenerierte, realitätsnahe Szenarien: Es handelt sich beispielsweise um Vortragssituationen oder Begegnungen auf der Straße, bei denen nach dem Weg gefragt wird.

Das VR-System von neomento ist als Medizinprodukt zugelassen und wird in Kooperation mit dem DZNE weiterentwickelt und vermarktet. „Wir sehen uns als Dienstleister für psychotherapeutische Praxen und Kliniken“, sagt Wolbers. Als Mitgründer von neomento und „Chief Science Officer“ ist er für die Forschung und Produktentwicklung des Unternehmens maßgeblich verantwortlich.

Hilfsmittel für die Therapie

Personen mit sozialer Phobie werden in Situationen, in denen sie anderen Menschen begegnen, oft von Ängsten oder Selbstzweifeln geplagt: So kann beispielsweise in der Öffentlichkeit zu reden, Fremde anzusprechen oder selbst das Fahren in der U-Bahn erheblichen Stress verursachen, negative Gefühle auslösen und sie daran hindern, alltägliche Situationen zu bewältigen. „Die Betroffenen versuchen, solchen Geschehnissen aus dem Weg zu gehen. Diese Vermeidungsstrategie kann sie beruflich und privat massiv beeinträchtigen und sich letztlich auf ihren gesamten Alltag negativ auswirken“, sagt Wolbers.

In der virtuellen Umgebung, die neomento bereitstellt, können Patientinnen und Patienten – unterstützt von einer therapeutischen Fachkraft – lernen, mit solchen Ereignissen besser umzugehen. „Mit unserem System stellen wir Therapeuten und Patienten ein Instrument zur Verfügung, das sie beim Erreichen ihrer Therapieziele effektiv unterstützt. Wirksamkeit und Nutzen der VR-Therapie sind wissenschaftlich erwiesen. In den Leitlinien zur Behandlung von Angststörungen wird die VR-Therapie explizit empfohlen. Noch ist diese Therapieform aber wenig verbreitet, da die benötigte Technologie erst seit wenigen Jahren marktfähig ist“, so Wolbers.

Immersive Schauplätze

neomento hat ein Spektrum von Szenarien entwickelt, die Situationen in Gebäuden, im öffentlichen Nahverkehr oder auch im Freien nachbilden. In diesen virtuellen Umgebungen können Betroffene gezielt Situationen ausgesetzt werden, die sie als sehr unangenehm empfinden. „Die Patienten erleben das virtuelle Geschehen als äußert real. Durch die Konfrontation lernen sie, ihre Ängste, Gedanken und Verhalten besser an die jeweiligen Situationen anzupassen und gewinnen so wieder neues Selbstvertrauen“, sagt Wolbers. Eine solche Therapie müsste sonst etwa in Rollenspielen nachgestellt werden, was Personal und erheblichen organisatorischen Aufwand erfordert. Daher müssen Menschen mit einer sozialen Phobie oft lange auf einen Therapieplatz warten. „Mit Virtual Reality kann man viele Situationen vergleichsweise einfach simulieren und flexibel an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen. Damit kann man die Therapie bedarfsgerecht gestalten, zugleich lassen sich Aufwand und Kosten reduzieren“, so Wolbers.

Interaktives Geschehen

Bei dem VR-System von neomento steuert eine therapeutische Fachperson die virtuellen Geschehnisse am Computer. Das Unternehmen entwickelt außerdem Möglichkeiten, um Stresssignale auswerten – beispielsweise auf Grundlage der Pulsfrequenz oder Hautleitfähigkeit. „Diese Daten werden vom System fortwährend protokolliert. Darüber lässt sich der Stresspegel bestimmen und objektiv beurteilen, ob eine Behandlung anschlägt. In der konventionellen Verhaltenstherapie ist es meist schwierig, solche Parameter zu erfassen“, sagt Wolbers. Zudem sind die Szenarien dynamisch und interaktiv. Es lässt sich zum Beispiel einstellen, dass in einer Seminarsituation ein virtueller Zuhörer sich meldet und Fragen stellt. Die Patientin beziehungsweise der Patient hört diese Fragen über Kopfhörer und muss sich dann mit der Situation auseinandersetzen.

Weitere Anwendungen in der Entwicklung

„Unser VR-System bietet zahlreiche interaktive Szenarien, die Visualisierung ist sehr realistisch, und wir haben die Möglichkeit, körperliche Reaktionen zu erfassen. In dieser Kombination gibt es derzeit wohl kaum vergleichbare Hilfsmittel für die Behandlung sozialer Phobien“, so Wolbers. Und neomento möchte sein Portfolio erweitern. „Depression, posttraumatische Belastungsstörungen und Alkoholsucht sehen wir als weitere Anwendungsgebiete. Auch hier sind soziale Interaktionen von Bedeutung. Solche Situationen lebensnah nachbilden zu können, ist ein zentrales Merkmal unseres Systems. Gemeinsam mit klinischen Partnern arbeiten wir bereits an entsprechenden Szenarien.“

Über das DZNE: Das DZNE ist ein von Bund und Ländern gefördertes Forschungsinstitut, das bundesweit zehn Standorte umfasst. Es widmet sich Erkrankungen des Gehirns und Nervensystems wie Alzheimer, Parkinson und ALS, die mit Demenz, Bewegungsstörungen und anderen schwerwiegenden Beeinträchtigungen der Gesundheit einhergehen. Bis heute gibt es keine Heilung für diese Erkrankungen, die eine enorme Belastung für unzählige Betroffene, ihre Familien und das Gesundheitssystem bedeuten. Ziel des DZNE ist es, neuartige Strategien der Vorsorge, Diagnose, Versorgung und Behandlung zu entwickeln und in die Praxis zu überführen. Dafür kooperiert das DZNE mit Universitäten, Universitätskliniken und anderen Institutionen im In- und Ausland. Das Institut ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft und zählt zu den Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung

Medienkontakt

Dr. Marcus Neitzert
Presse
marcus.neitzert@dzne.de
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Video-Porträt

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