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Neue Studie: weniger Demenzdiagnosen in Arztpraxen

Daten der gesetzlichen Krankenkassen für Deutschland aus dem niedergelassenen Bereich

Greifswald, 11. Juli 2025. In manchen Industrieländern ist die Häufigkeit von Demenzerkrankungen offenbar zurückgegangen. Hinweise für eine möglicherweise ähnliche Entwicklung gibt es auch hierzulande. Nach einer Studie von Fachleuten des DZNE und Forschungspartnern ist die Anzahl der dokumentierten Demenzdiagnosen in deutschen Arztpraxen in den Jahren 2015 bis 2022 gesunken – konkret die Zahl jährlicher Neuerkrankungen (Inzidenz) um rund 26 Prozent. Auch die Anzahl der insgesamt dokumentierten Demenzdiagnosen (Prävalenz) hat abgenommen. Die im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Ergebnisse, an denen auch das Universitätsklinikum Leipzig und das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung beteiligt waren, beruhen auf Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenkassen für den niedergelassenen Bereich – sie unterliegen gewissen Einschränkungen und lassen sich daher nicht unmittelbar auf die Gesamtbevölkerung übertragen.

„Die aktuellen Befunde zeigen eine vielschichtige Situation. Der rückläufige Trend bei der Anzahl Demenzdiagnosen ist von den Hausarztpraxen geprägt. Bei den niedergelassenen Fachärzten sind die Demenzdiagnosen hingegen gestiegen. Zugenommen haben auch die dokumentierten leichten kognitiven Störungen. Solche Symptome, man spricht auch von MCI, sind mögliche Vorboten von Demenz“, so Professor Gabor Petzold, amtierender Vorstandsvorsitzender des DZNE. „Insgesamt sind das interessante Beobachtungen. Aufgrund der methodischen Einschränkung der Daten auf niedergelassene Praxen und gesetzlich Versicherte lassen sie jedoch nur bedingt Rückschlüsse auf die Zahl der Demenzerkrankungen in der Gesamtbevölkerung zu. Dazu sind weitere Untersuchungen erforderlich. Die aktuellen Ergebnisse sehen wir als wichtigen Hinweis, dem wir jetzt genauer nachgehen werden.“

Ursachenforschung gefragt 

„In der Tat deuten Studien darauf hin, dass das individuelle Risiko für Demenz in einigen Industrienationen heute geringer ist als gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Die Ursachen sind möglicherweise vielfältig und könnten je nach Land auch unterschiedlich sein“, sagt Petzold. „Vermutet wird zum Beispiel, dass die Menschen gesundheitsbewusster leben und beispielsweise Herz-Kreislauf-Probleme heutzutage besser behandelt werden. So ist insbesondere Bluthochdruck ein Risikofaktor für Demenz. Inwiefern diese Situation in Deutschland gegeben ist und ob strukturelle Faktoren des Gesundheitssystems vielleicht auch eine Rolle spielen, müssen weitere Studien zeigen. Wenn sich dieser Rückgang in den Demenzdiagnosen bestätigt und auch in der Allgemeinbevölkerung auftreten sollte, wäre das eine erfreuliche Entwicklung. Umso mehr geht es nun darum, die Ursachen dafür zu verstehen und wie man diesen Trend durch gezielte Prävention aktiv unterstützen kann. Demenz bleibt eine schwerwiegende Erkrankung, die hierzulande nach wie vor sehr viele Menschen betrifft. Wir benötigen weiterhin effektive Therapien für Betroffene und bessere Vorsorgemaßnahmen, um Demenz erst gar nicht entstehen zu lassen.“

 

Originalveröffentlichung
Rückgang der Demenzdiagnosen im niedergelassenen Bereich.
Bernhard Michalowsky et al.
Deutsches Ärzteblatt (2025).
DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0090

 

Zusatzinformationen:


Editorial im Deutschen Ärzteblatt
A surprising decline in the incidence of dementia.
Jessen F.
Dtsch Arztebl Int 2025; 122: 371–2.
DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0100

 

Fragen an Studienleiter PD Dr. Dr. Bernhard Michalowsky, Forschungsgruppenleiter am DZNE-Standort Rostock/Greifswald

Herr Michalowsky, Sie haben sich die Entwicklung der dokumentierten Demenzdiagnosen in Deutschland angeschaut. Was sind das für Daten?

Es handelt sich um eine Vollerhebung von Abrechnungsdaten von gesetzlich Versicherten in allen niedergelassen Arztpraxen in Deutschland. Die Untersuchungen beziehen sich also auf Kassenpatienten. Diese Informationen werden bundesweit und kassenübergreifend vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung erfasst. Wir haben uns konkret die in Haus- und Facharztpraxen dokumentierten Diagnosen von 2015 bis 2022 angesehen – von allen Personen im Alter von 65 Jahren und älter. In dieser Altersgruppe machen sich die allermeisten Demenzerkrankungen bemerkbar.

Bislang hatte man angenommen, dass die Anzahl der Demenzerkrankungen in Deutschland seit Jahren stetig zunimmt. Sie sehen nun einen abfallenden Trend. Wie erklärt sich diese Diskrepanz?

Unsere Daten erfassen die tatsächlich gestellten Diagnosen. Das sind Diagnosen, welche für Abrechnungs- und Dokumentationszwecke erfasst wurden. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu anderen Studien aus den letzten Jahren, insbesondere zu Hochrechnungen für die Gesamtbevölkerung, die auf Literaturdaten basieren. Unser Datensatz erfasst alle gesetzlich Versicherten, die ambulant ärztlich versorgt wurden. Damit decken wir ca. 88 Prozent der Bevölkerung und einen Großteil der Versorgung in Deutschland ab. Privatversicherte sowie Demenzdiagnosen in Kliniken werden wiederum nicht erfasst oder nur indirekt abgedeckt, zum Beispiel, wenn in Kliniken gestellte Diagnosen an die einweisenden Arztpraxen übermittelt werden. Und natürlich erfasst der Datensatz nur solche Menschen, die tatsächlich zum Arzt gegangen sind. Unsere Ergebnisse gelten daher für ein großes Kollektiv, die Aussagekraft hinsichtlich der Gesamtbevölkerung ist aber aufgrund der methodischen Einschränkungen der Daten etwas limitiert. Für valide Aussagen über die tatsächliche Entwicklung der Demenzfälle in der Allgemeinbevölkerung bedarf es weiterer Studien.

Was könnte den Rückgang der Demenzdiagnosen erklären?

Hier kommen im Wesentlichen zwei Gründe in Frage: Zum einen: das individuelle Erkrankungsrisiko scheint gesunken zu sein. Demnach ist Demenz in den letzten Jahrzehnten mit jeder Generation weniger häufig aufgetreten. Das bedeutet, dass jüngere Generationen ein geringeres Risiko haben, im Alter an einer Demenz zu erkranken. Studien aus den USA, Kanada und einigen europäischen Ländern zeigen solche Trends. Aktuelle Daten dazu für Deutschland gibt es nicht. Solche Entwicklungen und deren Ursachen können auch länderabhängig sein.

Was sind mögliche Ursachen für ein sinkendes Demenzrisiko?

Das lässt sich nur vermuten. Mögliche Ursachen, die diskutiert werden, sind eine gesündere Lebensführung, bessere Bildung und eine Tendenz hin zum „lebenslangen Lernen. Aber auch eine bessere medizinische Versorgung könnte von Bedeutung sein. Wir kennen bislang 14 prinzipiell veränderbare Faktoren, die das Risiko einer Demenz beeinflussen. Dazu gehören unter anderem Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes. Gerade die Behandlung von Bluthochdruck hat sich in den letzten Jahren verbessert. Beim Übergewicht und anderen Faktoren ist der Trend eher gegenläufig. Weniger Raucher und ein gesunkener Alkoholkonsum stehen wiederum für eine gesündere Lebensführung. Diese einzelnen Risikofaktoren wirken sich allerdings unterschiedlich stark aus, vor allem in den verschiedenen Lebensphasen. Es ist nun wichtig, diese Einflussfaktoren näher zu untersuchen.

Es gibt Hinweise, dass die Impfung gegen Gürtelrose das Demenzrisiko verringert. Könnte das eine Rolle spielen?

Mutmaßlich schon, aber diese Indizien sind noch relativ neu. Daten für Deutschland fehlen gänzlich. Wir werden versuchen, mögliche Zusammenhänge schnell aufzuklären.

Sie sprachen von zwei Faktoren, die den Abfall in der Statistik erklären könnten. Welche weiteren Ursachen kommen neben einem sinkenden Demenzrisiko in Frage?

Grundlage unserer Analyse waren Diagnosen der Haus- und Facharztpraxen, welche für Abrechnungszwecke genutzt werden. Ein möglicherweise verändertes Diagnoseverhalten der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte könnte daher auch eine Rolle für den Rückgang in der Statistik spielen. Hierbei ist wichtig anzumerken, dass der von uns gefundene Rückgang der Diagnosen sich nur bei den Hausarztpraxen zeigte. Bei den Fachärzten sahen wir einen leichten Anstieg. Es wäre möglich, dass infolge stetig steigender Patientenaufkommen sich die Aufmerksamkeit der Hausärztinnen und Hausärzte mehr auf die akuten und besser behandelbaren Erkrankungen konzentriert haben könnte. Eventuell könnte sich auch die Diagnostik verstärkt in den stationären Bereich verlagert haben – zu den Gedächtnisambulanzen. Und von den dort gestellten Diagnosen wird möglicherweise eine signifikante Zahl nicht an die niedergelassenen Praxen zurückgemeldet und dort dokumentiert. Außerdem fällt die Corona-Pandemie in den von uns erfassten Zeitraum. Hier sind Arztbesuche generell zurückgegangen. Kurzum: Die Situation ist komplex und bedarf weiterer Untersuchungen. 

Ihr Fazit?

In deutschen Hausarztpraxen zeigt sich ein Rückgang der diagnostizierten Demenzfälle. Wir müssen die weitere Entwicklung verfolgen und diese Hinweise in bevölkerungsbezogenen Studien überprüfen. Außerdem müssen wir den Ursachen des beobachteten Trends wissenschaftlich nachgehen. Eines ist klar: Demenz ist und bleibt eine sehr häufige Alterserkrankung mit erheblichen Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen – inklusiver deren Familien. Forschung für bessere Behandlungsmethoden und Prävention bleibt daher unerlässlich.