Alzheimer: US-Behörde genehmigt Einsatz von „Aducanumab“ unter der Bedingung weiterer Studien

Bonn, 8. Juni 2021. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat dem Einsatz des Wirkstoffs gegen die Alzheimer-Erkrankung „Aducanumab“ (Markenname „Aduhelm“) unter der Auflage zugestimmt, dass weitere Studien durchgeführt werden, um den klinischen Nutzen zu belegen. Der Antrag auf Marktzulassung war von den Pharmaunternehmen Biogen und Eisai eingereicht worden. Dies ist das erste Mal, dass die FDA eine potenzielle Behandlung der Alzheimer-Erkrankung vorrangig auf der Basis von Biomarker-Daten zulässt. Aducanumab richtet sich gegen Proteine, die mit der Krankheit einhergehen. Wie sich das Medikament im klinischen Alltag bewähren wird, bleibt abzuwarten. Ob es in Deutschland zum Einsatz kommt, hängt von der europäischen Zulassungsbehörde EMA ab, deren Entscheidung noch aussteht.

Statement von Prof. Pierluigi Nicotera, Wissenschaftlicher Vorstand und Vorstandsvorsitzender des DZNE:

"Weltweit hoffen Millionen von Menschen mit Alzheimer und deren Angehörige auf eine bessere Behandlung für diese schwerwiegende Erkrankung. Bisher waren die klinischen Daten zur Wirkung von Aducanumab auf den kognitiven Abbau aufgrund einer Alzheimer-Erkrankung nicht eindeutig. Die Eröffnung der Möglichkeit, Patienten mit Aduhelm zu behandeln, wird jedoch wahrscheinlich solide Daten zur Wirksamkeit hervorbringen. Dies würde neue therapeutische Möglichkeiten eröffnen. Es ist bemerkenswert, dass die FDA die dringende Notwendigkeit zur Behandlung von Demenz anerkennt, indem sie den Einsatz von Aduhelm aufgrund von Biomarker-basierten Daten genehmigt.“

Allgemeiner Hintergrund

Die Entscheidung der FDA ist ein Gamechanger. Denn erstmalig wird ein Alzheimer-Medikament primär auf der Basis von Biomarkern, also biomolekularer Kriterien, und nicht auf der Grundlage klinischer Daten zugelassen. Der Beschluss der FDA könnte Auswirkungen haben auf künftige klinische Studien und Zulassungsentscheidungen.

Eine Behandlung mit Aducanumab wird voraussichtlich aufwändig und kostspielig sein und neben der regelmäßigen Infusion des Wirkstoffs auch regelmäßige Kontrolluntersuchungen des Gehirns erfordern. Eine Herausforderung ist zudem, jene Patientinnen und Patienten zu identifizieren, die für eine Behandlung infrage kommen. Die Teilnehmenden an klinischen Studien zu Aducanumab wurden auf der Grundlage aufwändiger Analysen ausgewählt, darunter Untersuchungen des Gehirns mit der sogenannten Positronen-Emissions-Tomographie. Diese Technik steht nicht flächendeckend zur Verfügung, sondern überwiegend an Universitätskliniken. Deshalb gilt, es Entscheidungskriterien zu entwickeln, die im medizinischen Alltag zum Einsatz kommen können.

Mehrere andere ähnliche Wirkstoffe sowie eine Reihe weiterer Ansätze zur Bekämpfung der Alzheimer-Erkrankung werden aktuell untersucht. Eine wirksame Behandlung der Erkrankung wird wahrscheinlich eine Kombinationstherapie erfordern. Die Entscheidung der FDA könnte also ein erster Schritt in Richtung einer besseren Behandlung sein, aber es ist sicher noch ein weiter Weg.

Hintergrund zu Aducanumab

Aducanumab (Markenname „Aduhelm“) ist ein gentechnisch hergestellter Antikörper, der an sogenannte Amyloid-Beta-Proteine bindet. Bei Menschen mit Alzheimer häufen sich diese Eiweißstoffe im Gehirn und bilden Aggregate – „Plaques“ genannt – in der Umgebung von Nervenzellen. Unter anderem aufgrund dieses Phänomens gelten Amyloid-Beta-Proteine als wichtige Akteure im Krankheitsprozess. In klinischen Studien, in denen Aducanumab per Infusion verabreicht wurde, zeigte sich, dass diese Behandlung die Menge an Plaques – sie dienten als Biomarker – im Gehirn massiv verringerte. In einer Studie gab es außerdem Hinweise dafür, dass die Behandlung den geistigen Abbau bei Menschen im Frühstadium einer Alzheimer-Demenz ein Stück weit verlangsamen konnte, eine zweite Studie konnte diesen Effekt jedoch nicht belegen. Angesichts dieser widersprüchlichen Befunde wurde über die Wirksamkeit von Aducanumab im Vorfeld der Entscheidung der FDA kontrovers diskutiert. In einer Erklärung vom 7. Juni stellt die FDA nun fest: Es gäbe trotz der schwierigen Datenlage substanzielle Hinweise darauf, dass der Wirkstoff die Plaques im Gehirn reduziert und dass diese Reduzierung mit hinreichender Wahrscheinlichkeit einen wichtigen Nutzen für die Patienten erwarten lässt.

In der gleichen Erklärung weist die FDA darauf hin, dass die verantwortlichen Arzneimittelhersteller angewiesen sind, Studien durchzuführen, um den klinischen Nutzen zu verifizieren. Falls dieser Nachweis nicht gelingt, könnte das Medikament vom Markt genommen werden.

Aducanumab wurde von den Firmen Biogen und Eisai gemeinsam entwickelt. Die beiden Pharmaunternehmen haben auch in Europa und Japan eine Marktzulassung für diesen Wirkstoff beantragt. Die Entscheidungen der zuständigen Behörden stehen noch aus.

Hintergrund zur Alzheimer-Erkrankung

Nach Schätzungen sind bis zu zwei Drittel aller Menschen mit Demenz von der Alzheimer-Krankheit betroffen: Sie gilt daher als die häufigste Form der Demenz. Alzheimer geht mit einem allmählichen Verlust von Nervenzellen des Gehirns einher, infolgedessen lassen die geistigen Fähigkeiten nach. Betroffene im fortgeschrittenen Krankheitsstadium sind auf Pflege und fremde Hilfe angewiesen. Aktuelle Medikamente und nicht-medikamentöse Therapien können die Symptome von Alzheimer ein Stück weit mildern; sie setzen jedoch nicht bei den Ursachen der Erkrankung an und können daher ihren Verlauf weder stoppen noch verzögern – und schon gar nicht bereits entstandene Nervenschäden reparieren. Mit Aducanumab kommt erstmals ein Medikament auf den Markt, das Mechanismen der Erkrankung angeht.

In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz, weltweit sind es etwa 50 Millionen.

Über das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE): Das DZNE ist eine Forschungseinrichtung, die sich mit sämtlichen Aspekten neurodegenerativer Erkrankungen (wie beispielsweise Alzheimer, Parkinson und ALS) befasst, um neue Ansätze der Prävention, Therapie und Patientenversorgung zu entwickeln. Durch seine zehn Standorte bündelt es bundesweite Expertise innerhalb einer Forschungsorganisation. Das DZNE kooperiert eng mit Universitäten, Universitätskliniken und anderen Institutionen auf nationaler und internationaler Ebene. Es wird öffentlich gefördert und ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft.

Medienkontakt

Dr. Marcus Neitzert
Presse
marcus.neitzert@dzne.de
 +49 228 43302-267

Weitere Informationen

Statement der FDA, 7.6.2021

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