Hintergrund

Person-Zentrierung wird – häufig in Anlehnung an Tom Kitwood – seit Mitte der 1990er Jahre sowohl in der Versorgung von Menschen mit Demenz (MmD) als auch in der Demenzforschung offensiv vertreten. Als Alternativkonzept zu einer vornehmlich klinisch-medizinischen Herangehensweise markiert Person-Zentrierung einen Perspektivwechsel im Umgang mit MmD. Dieser Perspektivwechsel zielt anstelle der Behandlung oder Heilung der Demenz vordergründig auf die psychosozialen Folgen ab, so z. B. auf eine Erhöhung der Lebensqualität. Unter dem Label Person-Zentrierung findet sich dabei ein breites und heterogenes Feld von konkreten pflege- sowie betreuungspraktischen Maßnahmen, theoretischen Überlegungen bis hin zu Leitbildern von Leistungsanbietern und Forschungseinrichtungen. Seit den 90er Jahren steigt auch die Anzahl der Publikationen, die allerdings sehr unterschiedlichen Bezug auf das Konzept nehmen. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage, inwiefern Person-Zentrierung als ein einheitliches Konzept verstanden werden kann und auf einer gemeinsamen theoretischen Grundlage fußt. Darüber hinaus stellt das Konzept der Person-Zentrierung Theorie und Praxis insbesondere im Hinblick auf MmD vor spezielle Herausforderungen. Der progrediente Krankheitsverlauf hat für die Betroffenen direkte Auswirkungen auf Welt-Erfahrung und Möglichkeiten des Lernens und damit auch Auswirkungen auf die personale Identität, welche im Verlauf der Krankheit zusehends brüchiger wird. So scheint bis dato keine Einigkeit darüber zu bestehen, wie vor dem Hintergrund einer Demenzerkrankung das Personsein konzipiert werden kann.

Ziele und Forschungsinteresse

Um der Komplexität des Feldes der Person-Zentrierung bei Demenz gerecht zu werden, wird das hier dargestellte Forschungsprojekt Per-Dem zweigeteilt. Im ersten Teil des Projekts wird eine Bestandsaufnahme des Begriffs Person-Zentrierung vorgenommen. Hierbei wird folgenden Fragen nachgegangen: Was meint der Begriff Person-Zentrierung im Hinblick auf das Thema Demenz in der Forschungsliteratur? Welche Vorstellungen von Person-Zentrierung existieren? Gibt es Gemeinsamkeiten und/oder Unterschiede in der Definition des Begriffs? Gibt es einen einheitlichen theoretischen Bezugsrahmen? Die Bearbeitung dieses ersten Analysefokus bildet den Ausgangspunkt einer vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Konzept der Person im zweiten Teil des Projekts. Vor dem Hintergrund einer Demenzerkrankung erscheint generell fraglich, wie der Begriff der Person konzeptionell verstanden werden kann. Daher wird anschließend die Frage bearbeitet, welche Konzepte der Person in der Forschungsliteratur im Hinblick auf MmD zugrunde gelegt werden. Der so entstehende systematische, inhaltliche Überblick zum Thema Person und Demenz ermöglicht eine kritische Auseinandersetzung mit Theorien innerhalb der Demenzforschung sowie mit bestehenden Pflegekonzepten. Mittelfristig bildet die vorstehende Analyse die Grundlage für ein Konzeptpapier, welches in der internationalen Debatte um Person-Zentrierung eine konkrete Positionierung des DZNE-Standortes Witten ermöglicht.

Folgende Fragestellungen werden bearbeitet:

  • Was meint der Begriff Person-Zentrierung im Kontext von Demenzerkrankungen in der Forschungsliteratur?
  • Welche Konzepte der Person werden in der Forschungsliteratur im Hinblick auf Menschen mit Demenz zugrunde gelegt?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich aus den zugrunde liegenden Konzepten der Person für die Demenzforschung und -pflege?

Methodik

Es wird eine umfassende systematische Literaturrecherche in Form einer Scoping-Studie durchgeführt, um ein möglichst breites Spektrum an Literatur abbilden zu können. Neben einer Literaturrecherche in neun Datenbanken werden relevante Publikationen zusätzlich mit Hilfe einer Handrecherche und durch Expertenkonsultation gewonnen. Anschließend werden die Volltexte in MAXQDA ausgewertet. Für die Bearbeitung der ersten Forschungsfrage werden zum Zweck einer konzeptionellen Analyse aus den identifizierten Publikationen Kategorien gebildet, um auf diese Weise unterschiedliche Vorstellungen von Person-Zentrierung inhaltlich-qualitativ beschreiben und zudem numerisch quantifizieren zu können. Die Ergebnisse der Scoping Studie werden genutzt, um in einem nächsten Schritt die zweite und dritte Forschungsfrage zu bearbeiten. Um die der Forschungsliteratur zugrunde liegenden Konzepte der Person zu identifizieren und sie differenziert gegenüberstellen zu können, muss die Suchstrategie zur ersten Forschungsfrage gegebenenfalls modifiziert und eine weitere Recherche durchgeführt werden. Die anschließende Auswertung erfolgt ebenfalls mit MAXQDA.

Erwartete Ergebnisse

Die Ergebnisse des Projekts Per-Dem liefern einen systematischen Überblick zur aktuellen Diskussion um Person-Zentrierung im Hinblick auf MmD. Neben einer Konzeptklärung ermöglichen die Ergebnisse eine kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Pflegekonzepten und generell der Theoriebasiertheit innerhalb der Demenzforschung. Dies konnte bereits beispielhaft in einem konzeptionellen Beitrag zum Diskurs um Social Health umgesetzt werden. Für den DZNE-Standort Witten tragen die Ergebnisse zu einer inhaltlichen Positionierung in der internationalen Debatte um Person-Zentrierung und Demenz sowohl im Hinblick auf Forschung als auch bezüglich der Pflege bei.

Kontakt

Jonathan Serbser
+49 23 02 - 926 254
jonathan.serbser(at)dzne.de